Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Bauen im Dorf - Eine Problemskizze
von Professor Dr. Hubertus Halbfas
S
AUERLAND 2007/ 3


Das Dorf hat seit 1950 schrittweise aber unaufhaltsam seine alte Gestalt verloren. Wesentlich gesteuert wurde dieser Prozess durch die wirtschaftliche Entwicklung und – damit verquickt – durch geistige und gesellschaftliche Veränderungen. Einige dieser Vorgänge seien ins Bewusstsein gehoben:
 Die ehedem zahlreichen kleinen Dorfschulen gibt es nicht mehr. Die Kinder fahren mit Bussen in größere Schulzentren. Lehrerin und Lehrer leben nicht mehr im Dorf. Sie wohnen meistens auch nicht mehr in den heutigen Schulorten, sondern pendeln morgens aus allen möglichen Richtungen ein und verlassen nach dem Unterricht die Schulgemeinde.

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Professor Dr. Hubertus Halbfas
referiert auf der SHB- Mitgliederversammlung

 

Die Kirchen sind gerade dabei, diese Entwicklung fortzusetzen. Die neuen Pfarrverbünde werden die bisherigen Gemeinden zu Gottesdienststationen degradieren. Der ausbleibende Priesternachwuchs führt – heute schon nicht mehr umkehrbar – zum Rückzug der Seelsorge aus der Fläche. Wer die Sache nicht schön reden will, kann – angesichts tatenloser Lähmung – von einem Suizid der Klerikerkirche sprechen.

 Dörfliche Geschäfte, soweit sie bestanden, sind durch Supermärkte in übergeordneten Zentren ersetzt worden. Der Einkauf unterliegt größerer Anonymität.

 Während in der Vergangenheit die Landwirtschaft das dörfliche Leben prägte, tendiert nun die Zahl der Vollerwerbslandwirte gegen zwei bis ein Prozent der Bewohner größerer Dörfer. Wenn in der Vergangenheit auch Handwerker und Arbeiter noch eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben, ist die Verbundenheit mit Stall und Feld inzwischen vollständig geschwunden. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft, verbunden mit oft wechselnder Technologie, nahm bisherigen Ställen, Scheunen und Schuppen ihre alte Nutzung.
 Im alten Dorf wurde es den Bauern zu eng, sie siedelten aus und bezogen Anwesen, die den Charme von Gewerbebauten ausstrahlen. Viele Fachwerkhäuser blieben verlassen zurück, wurden oft aufgegeben oder abgerissen. Manchmal klaffen jetzt Löcher im Dorf. Ein neues Denken, wechselnde Baumoden und verfügbares Geld leiteten über Jahrzehnte dazu an, die Häuser umzubauen. Würdige alte Häuser wurden oft bis zur Unkenntlichkeit „modernisiert“. So trat neben das alte aufgegebene Haus der Neubau von der Stange.
 Ehedem hatten unsere Dörfer eine gewisse Autarkie. Sie produzierten, was sie zum Leben brauchten, und der Wohnort war auch der Arbeitsplatz. Diese Einheit ist dahin. Wohn- und Arbeitsplatz sind in der Regel getrennt. Morgens fahren die meisten aus dem Dorf, benutzen dazu ein eigenes Fahrzeug, dessentwegen Haus und Grundstück verändert wurden. Andere Menschen sind der günstigen Bodenpreise oder der bevorzugten Wohnlage wegen neu ins Dorf gezogen. Auch die Vernetzung der wirtschaftlichen Verhältnisse trägt dazu bei. Häuser, in denen früher Großfamilien mit drei Generationen lebten, werden nur noch von vier, drei, zwei Personen bewohnt. Die Kinder haben meistens neu gebaut. Die Neubaugebiete sprengten die alten Dorfgrenzen. So sind dem Dorfkern Ausläufer in die offene Landschaft angehängt worden, Straßenzeilen nach städtischem Vorbild, die dem ursprünglichen Dorf nun vorstädtischen Charakter geben.

Die frühere Sozialkontrolle des Dorfes hat sich gelockert, in vielen Fällen sogar aufgelöst. Dorffremde Zuzüge in die neuen Bebauungsbereiche, auswärtige Berufstätigkeit und ein veränderter Lebensstil fördern eine zunehmende Individualisierung. Herkömmliche Ordnungsmuster, die Sitte und Brauch sowie das religiöse Reglement bestimmten, lösen sich auf.

 Das alte Dorf existiert in Überbleibseln. Die neuen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse treiben alle Veränderungen weiter, schneller als die Beteiligten das wahrnehmen und auf die Folgen hin bedenken können. Inzwischen ist für viele das Dorf nur noch Wohndorf. Die Wohnungen werden anders genutzt und eingerichtet, alles soll sauber sein. Freiflächen und Wege finden sich häufig in einem überdimensionierten Maß versiegelt. Garagen wurden wie Schuhschachteln an vorhandene Häuser angepappt oder als Fertigcontainer im Grünbereich abgestellt. Vor und neben dem Haus sollte Platz zum Parken geschaffen werden, also fällte man nicht selten die alten Hausbäume. Manchen bedeuten sie auch nur „Dreck und Arbeit“, obwohl die Freizeit doch ständig zugenommen hat. Der gesteigerte Verkehr führte zum Ausbau des Straßennetzes.

 Alle diese Veränderungen erfahren eine Begleitung durch die meist kleinstädtischen Bauämter, die den Wandlungen im Dorf oft kritiklos gegenüberstehen. Das mangelnde Problembewusstsein verrät schon die Sprache: In den Verwaltungen, in Gemeindeparlamenten oder in Gesprächen mit Architekten, Politikern und Beamten ist durchweg von „städtebaulicher Planung“ die Rede, selbst dann, wenn es sich um Planungen in Milchenbach oder Meinkenbracht handelt. Von „dorfbaulicher Planung“ -oder schlichter - von dörflicher Planung zu sprechen, würde als fremd empfunden. Dementsprechend sieht die Wirklichkeit aus: Die Summe der genannten Prozesse führt zu einer schleichenden Verstädterung unserer Dörfer. Einerlei, durch welches Neubaugebiet wir gehen oder welche Neubauten im alten Dorfbereich wir anschauen: Durchweg begegnet dem Betrachter ein architektonisches Gepräge, das man in Arnsberg, Meschede und Olpe gelten lassen mag, nicht aber in Essinghausen, Lenne und Oberhenneborn.

Die beschriebenen gesellschaftlichen Wandlungen führen – zumal im Rahmen großer wirtschaftlicher Veränderungen – zu Überforderungen in der Bauplanung und Baugestaltung: Während in der Vergangenheit in der heimatlichen Region – allein schon aus Kostengründen – alle Baumaterialien aus der nächsten Umgebung geholt wurden, halten heutige Baumärkte ein extrem breites Angebot aus aller Welt bereit. Die Fülle und Herkunft der Baumaterialien vernichtet in ihrer Summe die bisherige regionale Identität. Es entsteht eine Gemengelage, die zusammenmischt, was dem Durchschnittsgeschmack „gefällt“. Kommt hinzu, dass immer mehr Bauherren sich durch besondere Materialien und Formen vom Gewöhnlichen und Gängigen, das heißt, aber auch vom Hergebrachten abgrenzen wollen. In der Summe aller Individualismen letztlich ergibt es doch nichts anderes als ein mehr oder weniger charakterloses bauliches Einerlei, das den Dörfern ihr Gesicht nimmt.

Das alte Gesicht des Dorfes hat seine orientierende Funktion verloren. Die meisten Bauherren ebenso wie ihre willigen Architekten betrachten ein Projekt durchweg isoliert, ohne sich am Straßenzug oder der historischen Prägung des Dorfes zu orientieren. So finden sich in vielen dörflichen Zusammenhängen neue Häuser gesetzt, die die gewachsenen Zusammenhänge zerreißen.bauen 2

Typische Bausünden der letzten Jahrzehnte sind folgende: Vorab verklinkerte Fassaden. Neben Fachwerkhäusern und sonstigen weiß geputzten Wänden finden sich auf einmal rotbraune, gelbe oder auch weiße Klinkerbauten, letztere mit dunkler Fugung, alle in einem Charakter, der dem Sauerland fremd ist. Ein verklinkertes Haus gehört ins Emsland und Münsterland – unseren Dörfern steht es nicht an, und wollen wir nicht jede lokale Identität verlieren, müssen die Dörfer davon frei bleiben. Wer dennoch zweischalig bauen will, kann einen Kalksandstein wählen und diesen weiß schlämmen, was eine preiswertere, vor allem aber eine ins Dorf passende Fassade ergibt. – Ähnlich brechen beliebige Farben in der Dachdeckung das geschlossene Ortsbild auf. Zu wenige Gemeinden im Sauerland steuern durch Gestaltungssatzungen für Ortskerne und Neubaugebiete eine unberatene Beliebigkeit. – Was Instandsetzungsarbeiten angeht, so zeigt sich auch in gepflegten Fachwerkdörfern, dass die bewahrte Idylle beim näheren Zusehen doch eine schadhafte Tapete wurde: Beispielsweise hat die überkommene Bausubstanz durch neue Fenster in falschen Formaten und Sprossungen eine deutliche Abwertung erfahren. Mit der Summe solcher Details geht ein schrittweiser Verfall einher.

Insgesamt herrscht im architektonischen Geschehen des Sauerlandes eine nostalgische Tendenz, aber nur geringe Ansätze wirklich moderner Baugesinnung. Heutiges Bauen kann ihr Ideal nicht in der Biederkeit von Krüppelwalmdächern und Erkerausbuchtungen sehen. Eine klare moderne Formensprache verträgt sich gut mit alter Substanz, wohingegen äußerliche Anleihen an die Fachwerktradition nostalgisch bleiben. Richtiges Bauen in der Stadt ist schon schwer genug, auf dem Lande aber scheint es für Bauherren wie Architekten noch viel schwieriger, um nicht zu sagen, überfordernd zu sein.
Bauen und Wohnen im Sauerland – Eine Fibel für alle, die bauen, renovieren und ihre Umwelt gestalten wollen. 56 Seiten mit vielen farbigen Fotos gelungener wie abschreckender Beispiele. Die Broschüre kostet 3,50 Euro und kann über den Kreisheimatbund Olpe, Danziger Straße 2, 57462 Olpe bezogen werden. Tel.: 0 27 61/81-5 93


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