|
Belecke - Eine typische Ackerbürgerstadt Theo Büchter SAUERLAND 2008/ 2
Schon vor der ersten urkundlichen Erwähnung siedelten Menschen in derUmgebung Beleckes. Da das Möhnetal sehr sumpfig war, lagen die Felder und Äcker sicherlich auf der Haar, was auch durch die Namensgebung des kaiserlichen, später kurkölnischen Gutes Harkampe deutlich wird. Während der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (Interregnum 1254–1273) fühlten sich die Bauern in der Feldflur nicht mehr sicher und der Kölner Bischof erlaubte eine Besiedlung auf dem Berg. Siegfried II. verlieh 1296 Belecke die Stadtrechte. Aus einer Ergänzungsurkunde geht hervor, dass der Bischof das Gut Harkampe aufteilte und jeder Hausstatt jeweils 13 „alte“ Morgen Acker- und Waldland übertrug.
1. Entwicklung und Bedeutung der Landwirtschaft
|

|
|
Belecker Altstadt mit Propsteikirche St. Pankratius
|
|
Mit der großzügigen Schenkung des Landesherrn bei der Stadtgründung Beleckes war für alle Bürger die Lebensgrundlage geschaffen worden und für Belecke begann somit die Entwicklung zu einer typischen Ackerbürgerstadt im kurkölnischen Sauerland. Noch um 1650 betrugen die bischöflichen Erbländer durchschnittlich 13 Morgen. Wiesen und Weiden hatten die Belecker Bauern kaum, da sie Anteile an der Allmende besaßen. Weiterhin hatten sie schon früh auch Pachtländer erworben, wobei vor allen Dingen die Stadt und die Propstei Verpächter waren. Aus diesen Gründen bewirtschafteten Belecker Bauern schon vor Jahrhunderten 40-60 Morgen Land. Da Grund und Boden wichtige Voraussetzungen für das tägliche Brot waren, konnte Landbesitz nicht hoch genug bewertet werden. Und Erschleichung von Landeigentum wurde streng bestraft. So heißt es bereits in einem Ratsbeschluss von 1555: „Wer einem anderen Wiesen, Länder oder Gärten unerwinne (widerrechtlich wegnehmen), der habe der Stadt 5 Mark Strafe zu zahlen und sei für ehrlos, treulos und meineidig anzusehen.“1) Im Jahre 1678 wurde dieser Beschluss noch dahingehend erweitert, dass bei Zuwiderhandlung der Ausschluss aus der Bürgerschaft zu erfolgen habe. In dieser Zeit war in unserem Land weitgehend die Dreifelderwirtschaft verbreitet. Nach zweijähriger Bearbeitung lag der Acker im dritten Jahr brach. Die Bauern unserer Gegend betrieben aber schon sehr früh eine Fünffelderwirtschaft. Diese fortschrittliche Form des Ackerbaus ist sicherlich auf den Einfluss der Benediktiner (Kloster Grafschaft, Propstei Belecke) zurückzuführen. Um 1825 etwa wurde in dieser Gegend die Fünffelderwirtschaft abgelöst und im Brachejahr wurden Klee oder Kartoffeln angebaut. Ackerbau und Viehzucht bedingen einander und so entwickelte sich seit der Stadtgründung ein ansehnlicher Viehbestand und dieser war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Ackerbürgerstadt Belecke. Bis in diese Zeit kannten die Bauern in Belecke fast keine Hausfütterung. Heu und Grummet wurden kaum geerntet, da Wiesen und Weiden nicht im Privatbesitz waren (Allmende). Man schlachtete damals im Herbst und bei Einbruch des Winters so viel Vieh, wie eben möglich war. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, welche Probleme der Nahrungsbeschaffung im Winter für Menschen und Tiere bestanden. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass zwei weitere Ereignisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die landwirtschaftliche Situation in Belecke stark verändert haben:
Mit Ratsbeschluss vom 11. 5. 1861 wurden die im Besitz der Stadt sich befindenden Wiesen, Wälder und Weiden, die insgesamt 586 ha ausmachten, aufgeteilt. 2. Bereits zwischen 1860 und 1880 versuchte man in Belecke die unwirtschaftliche Streulage der Felder durch Zusammenlegung von benachbarten Grundstücken durch eine Flurbereinigung/Separation zu verbessern. Für die Ackerbürgerstadt Belecke war der 13. April 1805 (Karsamstag) im Hinblick auf die städtebauliche Entwicklung, aber auch für die Land wirtschaft ganz allgemein, von großer Bedeutung. Bei einem Großbrand sind von den 87 Häusern der Stadt 58 Häuser zerstört worden. Eine für uns unvorstellbare Katastrophe, die auch nur aus der damaligen Zeit zu verstehen ist. Im Jahre 1805 gehörte Belecke nach der Säkularisation politisch zu Hessen-Darmstadt. Unmittelbar nach dieser Katastrophe beauftragte die Regierung den damaligen Landesbaumeister Hermann Sandfort mit der Neuplanung Beleckes. Und das Ergebnis dieser Planung ist die historische Altstadt in Belecke, so wie wir sie in ihren Grundzügen heute noch nach über 200 Jahren vorfinden. Außerdem entwickelte er den Haustyp des Ackerbürgerhauses. Küche und Wohnräume liegen nach vorn zur Straße, danach folgt die Querdeele und dahinter befinden sich die Stallungen für Kühe und Schweine. Es sind Fachwerkhäuser. Die Gefache haben in der Regel eine Größe von 95 x 100 cm. Beim Einfahren in die Deele zum Abladen von Heu und Stroh gab es wegen der Enge besondere Schwierigkeiten. Dieses Ackerbürgerhaus war über 150 Jahre Wohn- und Wirtschaftshaus für die Bauern und prägt heute noch das wunderschön erhaltene Gesamt bild der Altstadt.
2. Strukturwandel, Flurbereinigung und Aussiedlung
Der wohl größte Strukturwandel in der Landwirtschaft hat nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden. Auch in Belecke war dieser Wandel an verschiedenen Aspekten deutlich spürbar: Veränderungen im Viehbestand, Mechanisierung und Einsatz von landwirtschaftlichen Großmaschinen, Spezialisierung in der Produktion (Milch- und Fleisch produktion) und die Zahl der Beschäftigten in der Belecker Landwirtschaft, die von 368 im Jahre 1938 auf 38 im Jahre 1969 gesunken ist.
Für die Wirtschaftlichkeit eines landwirtschaftlichen Betriebes sind neben der Größe auch die Flurlage und die Hoflage von Bedeutung. Seit der Stadtgründung im Jahre 1296 befanden sich die Höfe nicht auf der Haar, sondern im Schutze der Stadt und nach dem großen Stadtbrand von 1805 waren die Höfe großzügig und feuersicherer in der Altstadt neu errichtet worden. Sie entsprachen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr den Anforderungen eines modernen landwirtschaftlichen Betriebes. So hatten die Höfe hier in Oberbelecke nicht die geringste Möglichkeit der Erweiterung, die Hofräume waren sehr klein und boten den Maschinen und Ackergeräten kaum Platz. Schwierigkeiten gab es besonders in der Erntezeit. Auch die Wirtschaftsgebäude genügten nicht mehr den damaligen Anforderungen, die Stallungen waren zu klein. Die Flur- und Hoflage mit der schlechten Verkehrsanbindung wirkte sich durch hohe Kosten betriebswirtschaftlich sehr nachteilig auf die Belecker Bauern aus und bedrohte die Existenz mehrerer Betriebe. In dieser schwierigen Situation bot sich allein die Aussiedlung der Betriebe an.
Anfang 1956 wurden die ersten Gespräche geführt, Beschlüsse gefasst und am 27. 2. bereits die Anträge auf Aussiedlung gestellt. Es war ein langer Weg mit vielen Schwierigkeiten, Einwänden, finanziellen Einschränkungen und nach fast vier Jahren kam endlich am 6. Oktober 1959 die lang ersehnte Nachricht, dass alle mit dem Bau beginnen konnten. Im Jahre 1960 konnten sieben Bauern von der Altstadt in ihre Aussiedlerhöfe auf der Haar umziehen. Bis Oktober 1965 folgten drei weitere Bauern. Die Aussiedlung war dringend notwendig, zeugte vom Weitblick der Verantwortlichen und brachte in den folgenden Jahren allen bessere Arbeitsbedingungen und wirtschaftlichen Erfolg.
Jedoch bedeutete die Aussiedlung für alle beteiligten Bauern auch große Veränderungen im sozialen und familiären Bereich. Die Altstadt in Belecke veränderte in einem Jahr ihre Wirtschafts- und Sozialstruktur. Zugleich schließt sich mit der Aussiedlung auf die Haar im Jahre 1960 der Kreislauf unserer Betrachtungen. Angefangen war alles in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als die Bauern der Umgebung die Schutz bietende Stadt auf dem Berg gründeten. Über 650 Jahre blieben sie dort und prägten alle Bereiche des wirtschaftlichen, kulturellen, kirchlichen und sozialen Lebens in der Ackerbürgerstadt Belecke entscheidend mit.
Wie lange werden sie auf der Haar bleiben? Sicherlich keine 650 Jahre! Knapp 50 Jahre nach der Aussiedlung ist die Situation für die Belecker Landwirte nicht einfacher geworden, denn Spezialisierung und Globalisierung bedingen immer neue Anforderungen und Herausforderungen. Heute sind in Belecke nur noch wenige in der Landwirtschaft tätig. Und auch für die verbliebenen Bauern stellt sich die Frage nach der Zukunft ständig neu. Wie lange gibt es in der „Ackerbürgerstadt“ Belecke noch landwirtschaftliche Betriebe? Wie schnelllebig ist doch unsere Zeit geworden!
1) Dalhoff, Walter, Praesidium Baduliki, Belecke
|