Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Bürgerliche Bilderwelten – Wandschmuck einer sauerländischen Gewerkenfamilie von Dr. Sigune Kussek  

Sauerland Heft 3/ 201

Bürgerliche Bilderwelten 01

Wilhelmine Hövener (2. v. li.) mit ihrer Familie im Salon des Hauses Hövener, 1929

Der Wunsch nach Bildern im eigenen, privaten Wohnbereich ist ein menschliches Bedürfnis – nur wenige Wohnungen hatten bzw. haben leere, unverzierte Wände. Viele Untersuchungen und Ausstellungen haben sich bereits mit dem Phänomen des Schmückens von Wänden beschäftigt. Allerdings standen hier die Bildersammlungen von Adligen, der Wandschmuck unterer sozialer Schichten sowie die populäre Massengrafik im Vordergrund. Jene Bilder aber, die an den Wänden bürgerlicher Häuser hingen, waren nur vereinzelt Gegenstand der Bilderforschung gewesen. Nun hat sich erstmals beispielhaft eine volkskundlich-ethnologische Studie dem Wandschmuck einer bürgerlichen Familie d es 19. Jahrhunderts gewidmet: der Gewerkenfamilie Unkraut-Hövener aus Brilon.

Ein besonderer Wandbildbestand

Grundlage dieser Forschungsarbeit zum bürgerlichen Wandschmuck waren über 340 Gemälde, Fotografien und Druckgrafiken der Familie Unkraut-Hövener aus der Sammlung des LWL-Freilichtmuseums Detmold. Wilhelmine Hövener (1906- 1999), die letzte Nachfahre der Briloner Familie, überließ noch zu Lebzeiten einen Großteil des Familienbesitzes dem Detmolder Freilichtmuseum. Der umfangreiche Nachlass aus dem Haus Hövener enthält neben den Bildern zahlreiche Schriftquellen, eine Familienbibliothek, Möbel und Hausrat – insgesamt etwa 4000 Objekte. Die Wandbilder der Familie von Frau Hövener sind somit in eine hervorragende Überlieferungssituation eingebettet – ein großer Glücksfall für die Bilderforschung. Die meisten der zuvor untersuchten Wandbilder stammten aus privaten oder öffentlichen Sammlungen, die in der Regel ohne Informationen zur Herkunft oder zu den Besitzern zusammengetragen wurden. Die Wandbilder der Briloner Familie hingegen wurden nicht aus ihrem ursprünglichen Umfeld herausgerissen: Der reichhaltige und gut dokumentierte Nachlass ermöglichte eine weitgehende Rekonstruktion der sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Familie. Dadurch konnte der Bedeutung der Wandbilder im alltäglichen Leben der Briloner Gewerkenfamilie sowie ihren vielfältigen Funktionen im bürgerlichen Kontext nachgegangen werden. Die Erforschung des Hövenerschen Wandschmuckes bietet spannende Einblicke in die Bilderwelt und in die Vergangenheit einer wohlhabenden, bürgerlichen Familie des Sauerlandes. Ein zweiter, kleinerer Wandbildbestand aus dem bürgerlichen Gewerkenhaus halt Kropff-Hester in Olsberg, der zum Vergleich herangezogen werden konnte, vertiefte und ergänzte die Ergebnisse aus Brilon.

Bürgerliche Bilderwelten 02

Haus Hövener am Marktplatz in Brilon, um 1920

Familie Unkraut-Hövener –zugleich Wirtschafts- und Bildungsbürger

 

Der bemerkenswerte Sammlungsbestand der Familie Unkraut-Hövener wurde einer interessierten Öffentlichkeit erstmals 2001 in der Detmolder Sonderausstellung „Goldene Zeiten. Sauerländer Wirtschaftsbürger vom 17. bis 19. Jahrhundert“ zugänglich gemacht. Der zeitliche Schwerpunkt von Ausstellung und gleichnamigem Begleitband2 lag im 18. Jahrhundert und stellte die Gewerken als Wirtschaftsbürger in den Vordergrund. Meine Untersuchung zum Wandschmuck hingegen konzentriert sich vor allem auf das 19. Jahrhundert, da die meisten Wandbilder aus dieser Zeit stammen. In diesem Jahrhundert verringerte die Briloner Familie nach und nach ihre unternehmerischen Tätigkeiten als Eisengewerken und orientierte sich zunehmend in Richtung Staatsdienste. Ab etwa 1870 bestritt die Familie Unkraut-Hövener ihren Lebensunterhalt hauptsächlich als Staatsbeamte: Es hatte sich ein Wandel von einer Gewerken- zur Beamtenfamilie vollzogen. Doch obwohl nun nicht mehr von eigentlichen Gewerken oder Unternehmern die Rede sein konnte, bezog die Familie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihr bürgerliches Selbstverständnis und ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein aus ihrer prestigereichen Vergangenheit als Eisengewerken.

Die Wandbilder der Familie Unkraut-Hövener

Im Haus Hövener am Marktplatz in Brilon hatten sich über 340 Wandbilder erhalten, fast alle waren in einem guten Zustand. Die meisten Bilder hatte Wilhelmine Hövener auf den beiden Dachböden aufbewahrt. Aber viele Bilder hingen 1994 noch an den Wänden des Hauses, wie die eindrucksvolle Ahnengalerie im ehemaligen Salon der Familie Hövener.

Bürgerliche Bilderwelten 03

Der Gewerke Richard Unkraut als Kind mit Hacke und Geleucht, um 1800

Das Motivspektrum der Wandbilder ist sehr groß und reicht von Familienporträts, idyllischen Landschaftsansichten sowie einer Vielfalt an Genrebildern bis hin zu religiösen Darstellungen. Die Bilder umfassen einen Zeitraum von etwa 1700 bis 1930, ein Großteil sind jedoch Erzeugnisse der aufblühenden druckgrafischen Wandbildindustrie des 19. Jahrhunderts. Die Familie besaß viele anspruchsvolle Grafiken, vor allem Kunstreproduktionen von Genrebildern und religiösen Darstellungen. Daneben finden sich aber auch zahlreiche Atelierfotografien, Öl- und Pastellgemälde sowie einige Zeichnungen, Aquarelle und Biskuitporzellanbilder.

Am Wandbildbestand der Familie Unkraut-Hövener lassen sich Kontinuität und Veränderung eines bürgerlichen Selbstverständnisses ablesen, das sowohl wirtschafts- als auch bildungsbürgerliche Anteile aufweist. Die Ahnengalerie, die Ansichten aus Stadt und Land, die vielen Genrebilder, Porträts bekannter Persönlichkeiten und religiösen Bildmotive waren ein Mittel zur Selbstdarstellung einer Familie, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein zur vermögenden und einflussreichen bürgerlichen Oberschicht von Brilon gehörte. Die kostspieligen Öl- und Pastellgemälde, die vielen feinen Grafiken, Fotografien und hochwertigen Bilderrahmen demonstrieren heute noch den materiellen Wohlstand der Familie. Über den Bildinhalt vermittelten die Wandbilder aber auch einen großen kulturellen Reichtum: Schöner, erlesener Wandschmuck definierte sich im bürgerlichen Umfeld durch die Auswahl anspruchsvoller Bildthemen und ästhetischer Darstellungen, die einen guten, sprich gebildeten Geschmack bezeugten. Bildung stellte das Fundament von bürgerlichen Wandbildern dar, die in erster Linie über die Bildende Kunst ausgedrückt wurde. Durch die Zuordnung der Wandbilder zu einer Gewerken- und Beamtenfamilie wird deutlich, dass Bildung als kultureller Wert nicht nur für Bildungsbürger, sondern ebenso für Wirtschafts- und Besitzbürger von existenzieller Bedeutung war.

Museum Haus Hövener in Brilon

Viele Wandbilder sind nun als Leihgaben aus dem LWL-Freilichtmuseum Detmold nach Brilon zurückgekehrt und im neu eröffneten Museum Haus Hövener im Original zu sehen. Wilhelmine Hövener gründete wenige Jahre vor ihrem Tod die Stiftung „Briloner Eisenberg und Gewerke – Stadtmuseum Brilon“ und ermöglichte auf diesem Weg die Neugestaltung des Briloner Stadtmuseums in ihrem geschichtsreichen Elternhaus. Seit dem 14. Juni 2011 lädt das Museum Haus Hövener seine Besucher zu einer Reise durch die Briloner Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte ein. Ein Schwerpunkt liegt auf der 2000 Jahre alten Montangeschichte des kurkölnischen Sauerlandes, die die Gewerkenfamilie Unkraut in vielen Generationen mitgeprägt hat. Als Teil der Familiengeschichte ist das Arbeitszimmer des letzten Vollzeitgewerken Richard Unkraut (1797-1868) mit digitalisierter Fachbibliothek, Möbeln und Wandbildern zu besichtigen. 3 Auch die beeindruckende Ahnengalerie – zurzeit des Biedermeiers eine Ausnahmeerscheinung in bürgerlichen Haushalten – ist im rekonstruierten Salon der Familie von Richard Unkraut wieder aufgehängt.

Aber natürlich ist nur ein kleiner Teil des ursprünglichen Wandbildbestandes im neuen Museum ausgestellt; wer möchte, kann durch die reich bebilderte Publikation „Von Bildern umgeben“ in die gesamte Bilderwelt der Familie Unkraut-Hövener eintauchen.


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