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„Dieser Koffer ist ein Stück Geschichte“

Und er erzählt eine Geschichte, die in Frankreich anfängt und dort auch wieder enden sollte
von Kristin Schlinkert

Vor über einem Jahr habe ich angefangen, mich mit dem alten Koffer auf unserem Holzschuppen zu beschäftigen, und heute kann ich berichten, was für eine erstaunliche Geschichte sich mir geboten hat.

Die Geschichte beginnt 1940 an einem Strand an der Normandie-Küste in Frankreich. Georges Eymard, ein französischer junger Mechaniker, wird zusammen mit vielen anderen Soldaten gefangen genommen und gelangt als Kriegsgefangener nach Deutschland. Nur das, was er am Leib trug, konnte er mitnehmen. Seine Familie, seine Freunde und seine Heimat musste er auf ungewisse Zeit zurücklassen.

Was keiner zu diesem Zeitpunkt wusste, mehr als 60 Jahre nach dem ganzen Geschehen versuche ich dieses aufzuarbeiten. Die einzigen Anhaltspunkte, die ich habe, sind der Koffer und sein Inhalt.

Koffer Eymard

Der alte, abgegriffene Koffer stand nun mehr als 60 Jahre zugestaubt auf dem Holzschuppen meiner Familie. Im Zusammenhang mit meiner Facharbeit am Gymnasium der Benediktiner habe ich ihn geöffnet, hineingeschnuppert und somit eine wunderbare Geschichte entdeckt.

Die verrosteten Scharniere ließen sich nur mühsam öffnen. Der Geruch von altem Papier und Staub wogte mir entgegen, doch ich spürte dieses Kitzeln, diese Neugierde, die mich auf meinem ganzen Weg begleitete.

Ich bekam viele Briefe zu sehen, die fein säuberlich nach Datum sortiert waren. Die meisten waren von Georges Eymards Frau Marie-Lou. Vorsichtig suchte ich zwischen den französischen Dokumenten weiter. Neben den Briefen entdeckte ich selbstgeschriebene Theaterstücke und gemalte Bilder. Ganz tief unten lag ein altes Fotoalbum. Ein kleiner blonder Junge lächelte mich daraus an. Wer wohl dieser hübsche Junge war, fragte ich mich.

Damals hatte bestimmt niemand daran gedacht, dass dieser Junge irgendwann in Deutschland vor mir stehen würde.

Die Briefe von Marie-Lou waren sehnsuchtsvoll und voller Liebe. Sie erzählten von Trauer und Einsamkeit, von einem kleinen Jungen mit dem Namen Alain und dem harten Krieg. Marie-Lou schrieb viel über den gemeinsamen Sohn Alain, wie dieser für seinen Vater Blumen sammelte und der ihm immer ähnlicher wurde. Doch all dies konnte Georges nicht miterleben. Er war in Deutschland, fern ab von seiner Familie und seinen Liebsten. Wie müssen sich dieser Mann und die vielen anderen unzähligen Männer gefühlt haben?

Indem ich die privaten Briefe lese, gelange ich selbst in eine fremde Geschichte. Die einzelnen Persönlichkeiten werden mir bekannter und mein Interesse wächst, mich näher mit dem Koffer auseinanderzusetzen.

Je mehr ich lese und je mehr ich mich mit dem stummen Zeitzeugen, wie ich den Koffer gerne nannte, beschäftige, desto mehr gelangen meine Gedanken in eine andere Epoche, ja sogar in ein ganz anderes, mir eigentlich fremdes Familienschicksal. Obwohl ich niemanden von ihnen kenne, gehört diese Geschichte auch irgendwie zu meiner Familiengeschichte. Und auf eine gewisse Art und Weise fühle ich mich als ein Teil von ihr.

Georges war nicht nur in Meschede stationiert, sondern auch in anderen Orten in Nordrhein-Westfalen, doch in der Zeit, die er hier verbachte, arbeitete er auf dem Sägewerk meines Urgroßvaters. Er und seine Freunde bekamen regelmäßig warmes Essen.

Sie müssen sich wohl gefühlt haben. Ein Brief von Marie-Lou besagt, dass sie glücklich sei, dass Georges eine so nette Familie gefunden hatte. Dieser Satz ließ mich aufatmen. Ich war froh zu hören, dass es ihm hier bei uns gut ging.

Der letzte hier angekommene Brief war auf den 3. Dezember 1944 datiert. Ob er dann schon zurückkehrte und wie Georges überhaupt zurück nach Frankreich kam, bleibt ungeklärt. Die Frage bleibt jedoch bestehen, warum er diesen an sich wertvollen Koffer hier zurückließ.

Nach Beendigung meiner Facharbeit waren für mich der Koffer und seine Geschichte noch längst nicht abgeschlossen. Nun begann für mich der interessanteste Teil. Viele Fragen blieben offen und einige kann ich bis heute noch nicht beantworten, aber ich wusste damals schon, dass der Koffer eine Geschichte erzählen sollte, die in Frankreich anfing und dort auch wieder enden sollte.

Im Internet habe ich nach Adressen gesucht, doch ein Georges Eymard war nicht ausfindig zu machen. Der Mann hätte auch schon über 90 Jahre alt sein müssen. Aber einen Alain Eymard, einen möglichen Sohn, hatte ich gefunden. Es hat mich viel Überwindung gekostet, einen Brief an einen fremden Mann in Frankreich zu schicken. Doch in den Sommerferien letzten Jahres fasste ich meinen ganzen Mut zusammen, denn mein Wissensdrang hatte gesiegt. Es schien Monate zu dauern, bis eine Antwort kam, doch die fiel leider nicht so aus, wie ich sie erhofft hatte. Der Mann war nicht der gesuchte Sohn. Doch er hatte meinen Brief und mein Anliegen weitergeleitet. Er war scheinbar so interessiert gewesen, dass er sich in Frankreich die Mühe gemacht hat, meinen Brief an eine Bürgermeisterin mit dem Namen Eymard weiterzuschicken.

Ich hatte jedoch die Hoffnung, den Mann, der zu meinem Koffer gehörte, jemals ausfindig zu machen, aufgegeben, so dass ich das Thema Koffer und Franzose beiseite legte.

Doch manchmal lohnt es sich zu warten. Nur wenige Wochen nach dem ersten Brief erreichte mich ein weiterer, aus Frankreich kommender Brief. Ich hatte wieder dieses Kribbeln in den Fingern, was nur bedeuten konnte, dass der Brief eine gute Nachricht enthielt. Erwartungsvoll öffnete ich ihn. Mir fielen zwei Fotos entgegen. Das eine kannte ich schon, es war aus dem Album aus dem Koffer, und das andere zeigte eben diesen kleinen blonden Jungen. Ich hatte ihn gefunden. Alain Eymard, der Sohn von Georges Eymard, der im zweiten Weltkrieg hier in Meschede war und seinen Koffer vergessen hatte, hatte geantwortet.

In weiteren Briefen stellte sich heraus, dass Alain und seine Frau gerne nach Deutschland kommen wollen, um sich den Koffer, sozusagen die Memoiren an seinen Vater, abzuholen.

Letztes Jahr im November war es dann soweit. Ein französisches Auto hielt vor meiner Tür und ich stand endlich dem nun nicht mehr kleinen und blonden Mann gegenüber, dessen Vater vor mehr als 60 Jahren hier bei uns gelebt hatte. Alain schien berührt und überwältigt. Auch mir kam die ganze Situation unwirklich vor. Sofort herrschte eine gewisse Sympathie zwischen uns beiden, wie wenn wir uns schon seit langer Zeit kennen würden.

Der spannendste Augenblick war die Überreichung des Koffers.

Was muss Alain für Gefühle gehabt haben, frage ich mich. Gerührt und mit zittrigen Händen öffnete er den Koffer. Wie er später sagte, kam ihm „eine Woge von Zärtlichkeit“ entgegen. Seine Hand langte zwischen die Briefe und er zog wahllos einen hervor und begann mit belegter Stimme seiner Frau und uns vorzulesen. Auch ich war bewegt von diesem Moment. All die lange und harte Arbeit, die vielen Recherchen, Übersetzungen und Hindernisse hatten sich ausgezahlt. Ich hatte einem Mann ein Stück seiner Geschichte zurückgegeben, von der er nichts wusste. Alain erzählte, dass er nach der Rückkehr seines Vaters aus dem Krieg bei ihm aufwuchs. Doch leider schien die rührende Liebesgeschichte, die mit unzähligen Briefen begann, in Frankreich nicht anzuhalten. Georges und Marie-Lou trennten sich. Die vielen Briefe sind somit Erinnerungen an eine Zeit, an die sich Alain kaum noch erinnern kann. Und Georges habe fast nie über die Zeit in Deutschland geredet.

Vor drei Jahren verstarb Georges. Marie-Lou ist heute 95 Jahre alt und erfreut sich bester Gesundheit. Sie freut sich schon, die Briefe von damals zu lesen, erzählt Alain.

Was wäre gewesen, wenn ich mich schon früher mit der G e s c h i c h t e befasst hätte? Vielleicht hätte ich dann Georges Eymard persönlich den Koffer zurückgeben können. Jedoch stellen sich mir immer die Fragen, ob Georges den Koffer überhaupt haben wollte? Was, wenn er einfach mit der Zeit abschließen wollte und deswegen auch den Koffer hier zurück ließ? Eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen. Ich glaube, dass Georges in einer Nacht und Nebelaktion wieder zurück nach Frankreich gelangte und den Koffer einfach in der Eile nicht mitnehmen konnte. Ein bisschen Phantasie bleibt also noch bei der Geschichte…meiner Geschichte… und träumen darf jeder. Nicht alles kann immer geklärt werden.

Es lohnt sich in den alten und zugestaubten Ecken seines Hauses zu gucken, was dort noch an unbekannten Schätzen liegt. Auch die vielen Arbeiten und Mühen lohnen sich, wenn ich nun auf die spannende Zeit zurückblicke, an die ich mich wohl auch noch in vielen Jahren erinnern werde. Den Koffer habe ich dann am Ende des Tages mit einem lachenden und einem weinenden Auge Alain mit auf den Weg gegeben.

Doch so kommt der Zeitzeuge zurück in seine Heimat und wird dort hoffentlich noch viele Jahre andere Menschen erfreuen und faszinieren, wie er es hier getan hat. Die Geschichte begann vor mehr als 60 Jahren in Frankreich und nun endet sie auch dort, Generationen später …

April 2009


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