Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Die Geschichte des Bergbaus im kölnischen Sauerland

Ein Überblick

Vortrag von Professor Dr. Wilfried Reininghaus, Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, anlässlich der Mitgliederversammlung des Sauerländer Heimatbundes am 28. August 2010 in Marsberg.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

In Marsberg, dem diesjährigen Versammlungsort des Sauerländischen Heimatbundes, über die Geschichte des Bergbaus zu sprechen, ist sicher passend. Denn für keinen anderen Ort im Sauerland lässt sich eine so lange Prägung durch montanwirtschaftliche Aktivitäten nachweisen. Mir gibt dieser Vortrag Gelegenheit, Ihnen die wichtigsten Befunde einer nunmehr zehnjährigen Forschungsarbeit vorzustellen. In dieser Zeit haben Reinhard Köhne und ich gemeinsam mit Hilfe vieler anderer eine große Zahl von Berg- und Hüttenwerken im ehemaligen Herzogtum Westfalen dokumentiert und damit für das kölnische Sauerland einen Platz unter den deutschen Bergrevieren gefunden. Zunächst einmal ist für diese Hilfe allen Ortsheimatpflegern und anderen in der Ortsgeschichte Engagierten herzlich zu danken. Als wir mit dieser Arbeit anfingen, musste dieses Gebiet überregional als ein vergessenes Revier gelten. Vergessen deshalb, weil der Steinkohlenbergbau an der Ruhr in der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts dominant war und deshalb auch die deutsche und die westfälische Wirtschaftsgeschichte maßgeblich mitbestimmt hat. So sehr auch das Ruhr gebiet als Ballungsraum mit seinen fast 10 Millionen Einwohnern unser Bundesland bestimmt, so dürfen darüber doch nicht die anderen Regionen unseres Bundeslandes ins Hintertreffen geraten. Sie haben ihre je eigene Geschichte mit all ihren Facetten in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder Religion. Auch wenn der Bergbau die größte Bedeutung in der vorindustriellen Zeit hatte, so hoffen Reinhard Köhne und ich doch, dem kölnischen Sauerland mit seiner Bergbau- Geschichte ein Stück historischer Identität zurückgegeben zu haben.

Reininghaus

Professor
Dr. Wilfried Reininghaus

Bevor ich Ihnen die Ergebnisse unserer Forschungen vorstelle, will ich kurz die Methoden der Montangeschichte vorstellen. Sie ist auf das Zusammenwirken mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen angelegt. Zuallererst sind die Geologen gefragt, denn nur dort, wo sich entsprechende Lagerstätten finden, kann das Erz abgebaut werden. Wir finden im Sauerland Braun- und Roteisenstein fast überall vor. Blei, Zink und Kupfer kommen seltener vor. Die Re viere bei Marsberg, Brilon, Ramsbeck und Olpe sind auch durch Buntmetalle und nicht nur durch Eisenerz bestimmt. Die Archäologen gehen zunächst von den Spuren älteren Bergbaus an der Oberfläche aus. Durch Explorationen im Gelände lassen sich viele Pingen und Stollenmundlöcher erschließen. Nur in seltenen Fällen kann durch Ausgrabungen tiefer „gebohrt“ werden. Die Studien aus der Landes- und Wirtschaftsgeschichte setzen meistens erst für Zeiten seit dem Spätmittelalter ein. Das hat zu tun mit der Quellenlage. Wir müssen vom Verlust der Akten der kurkölnischen Bergverwaltung ausgehen, verfügen aber dennoch für das 16. bis 18. Jahrhundert über einen guten Fundus an Akten und Urkunden. Eine Lücke bleibt für das Mittelalter. Für viele Orte im Sauerland gibt es keine direkten schriftlichen Belege, vielmehr können montanwirtschaftliche Unternehmungen nur durch Bodenbefunde wahrscheinlich gemacht werden. So geschehen, ist die Forschung im Sauerland längst nicht abgeschlossen. Die Publikationen von Reinhard Köhne, mir und anderen stellen also nur eine Art Zwischenbilanz dar, die in kommenden Generationen noch vertieft werden sollte.

Der Bergbau im Sauerland beginnt in der römischen Kaiserzeit, also um Christi Geburt. Dies ist wahrscheinlich der spannendste Befund der neueren Forschungen. Gerne erinnere ich an den Workshop, den der Arbeitskreis Bergbau im Sauerland 2005 im Bergbaumuseum Ramsbeck durchgeführt hat. Vor allem Peter Rothenhöfer und Gabriele Körlin konnten damals den Beweis führen, dass rechts des Rheins um Christi Geburt römische Unternehmer von Köln aus bei Rösrath und um Brilon Blei fördern ließen. Umfangreiche Funde von Bleibarren aus dieser Zeit streuen von der Briloner Hochfläche bis zu den Schiffswracks vor Sardinien. 2009, zwei Jahrtausende nach der Varusschlacht, konnten diese Barren in der Ausstellung in Haltern besichtigt werden.

Auslöser für die große Nachfrage nach Blei war die universelle Verwendbarkeit dieses Rohstoffs. Die Funde im Mittelmeer deuten auf einen Transport in Richtung Rom. Ob zur Römerzeit auch in Marsberg schon Kupfer abgebaut wurde, bedarf weiterer Untersuchungen. Momentan darf dies nicht ausgeschlossen werden. Blei schlägt eine Brücke ins frühe Mittelalter. Hier können wir uns wieder auf archäologische Befunde stützen. Zwischen 1980 und 1982 wurde am Kohlbrink in Soest eine Saline aus dem 6./7. Jahrhundertergraben. Neben Salzsiedeöfen fanden sich auch Bleireste. In Soest wurden durchgängig Bleipfannen zum Salzsieden verwendet. Dies ist leicht zu erklären, denn bis in das 16. Jahrhundert hinein war es in europäischen Salinen üblich, für Siedepfannen den Rohstoff Blei zu wählen. Woher aber kam dieses Blei? Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammte es von der Briloner Hochfläche, von der es einen ersten schriftlichen Nachweis erst aus dem Jahr 1103 gibt. Soest jedenfalls bewies ein nachhaltiges Interesse an Brilon. St. Patrokli sicherte sich bald nach seiner Gründung Rechte in und um Brilon. Der andere Rohstoff, der für das frühe Mittelalter wichtig wurde, ist Kupfer. Die vor einigen Jahren erfolgte Grabungskampagne in Marsberg in der 1046 ersterwähnten Siedlung Twesine, heute im Industriegebiet diemelabwärts gelegen, ermittelte 36 Öfen und Röst gruben, von denen die ältesten zwischen 700 und 750 (merowingische Keramik) errichtet wurden. Der zugehörige Kupferbergbau findet sich entlang einer Verwerfungslinie im unterkarbonischen Schiefer auf den Höhen südlich der Diemel. Diese frühe archäologische Datierung wirft ein ganz neues Licht auf die Frühgeschichte von Marsberg und Westfalen. Bekanntlich wurde die Eresburg 772 und 776 von Karl dem Großen erobert. Gewiss ist die große strategische Bedeutung dieser Festung an der Kreuzung von Verkehrswegen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung zu würdigen, aber sollte nicht der Karolinger Marsberg auch wegen seiner Boden schätze ins Visier genommen haben. Im Übrigen liegt auch die sächsische Burg, die er erobert hat, die Hohensyburg bei Dortmund, umgeben von Bergwerken. Die Paderborner Ausstellung 1999 bot jedenfalls Gelegenheit, die Karolingerzeit als eine Zeit wirtschaftlichen Wachstums zu begreifen. Die Christianisierung Westfalens im 9. Jahrhundert verband sich mit einer Anbindung an das Frankenreich und einer Verstetigung von Handel und Gewerbe. Welche Einbrüche die Einfälle der Wikinger und der Ungarn auslösten, wissen wir nicht. Gesichert erscheint jedoch, dass zurzeit der Ottonen und Salier in Westfalen ein erneuter Aufschwung des Bergbaus im Sauerland stattfand. Wir können dafür sichere Belege anführen. Das Felsenmeer in Hemer liefert Messdaten für die Zeit zwischen 999 und 1155. Hier wurde, wie man noch in der Landschaft sehen kann, in großem Stil Eisenerz abgebaut und in der Umgebung in Rennfeueröfen verhüttet. In das Jahr 900 fällt die Verleihung der Markt- und Münzrechte für Horhusen, das heutige Niedermarsberg. Dieses Jahr markiert nicht den Anfang des Kupferbergsbaus, sondern ihn bereits voraus, wie sich dem Marktprivileg deutlich entnehmen lässt. Horhusen muss für auswärtige Einkäufer attraktiv gewesen sein. Wahrscheinlich wurden im Tal die Vorkommen auf dem Bilstein und dem Eresberg weiterverarbeitet. Horhusen konnte sich deshalb zu einem frühen Gewerbezentrum entwickeln, in dem Metallwaren aus Kupfer oder aus Eisen produziert wurden. Auch der Bergbau bei Ramsbeck und bei Bleiwäsche lässt sich mittlerweile durch die C14-Datierung von Holzkohlenfunden sicher in die Zeit um 1000 datieren. Wenn Widukind von Corvey in seiner Geschichte Sachsens erzählt, dass sich dort zur Zeit Ottos des Großen die Silberadern öffneten, und wenn Thietmar von Merseburg davon spricht, damals eine goldene Zeit anbrach, dann mag dafür nicht nur der Harz, sondern auch das Sauerland den Anlass geboten haben.

Bergbau Reininghaus 2010

Versammlungsteilnehmer während des Vortragest

Zwischen 1000 und 1350 wurden die Grundlagen der Montanwirtschaft im Sauerland ausgebaut und vertieft. Eine wachsende ländliche Bevölkerung in immer mehr Siedlungen benötigte Geräte und Werkzeuge, die wiederum die Nachfrage nach den Bodenschätzen erhöhten. Eine wichtige Funktion kam den Klöstern zu. Es waren vor allem die Zisterzienser, die in ganz Europa die Bodenschätze und die übrigen wirtschaftlichen Potentiale von Landschaf ten erschlossen. Kloster Bredelar war seit seiner Gründung im Jahr 1196 in der Montanwirtschaft aktiv und ließ in seinen Klosterdörfern wie Giershagen, Messinghausen oder Rösenbeck nach Eisen und Kupfer graben. Mit den aufkommenden Städten kamen Verteilzentren ins Spiel, die auch die überregionale Nachfrage vermittelten. Markant war 1273 der Streit um die Eisenstein-Vorkommen am Arnstein bei Giershagen, bei dem die Städte Marsberg und Korbach im Hintergrund zwischen Ritterfamilien vermittelten, die Ansprüche auf Erzgruben erhoben. Wahrscheinlich gab es überall auch im kölnischen Sauerland Rennfeueröfen, die oberflächennah vorkommendes Eisenerz verhütteten und damit die Weiterverarbeitung ermöglichten. Es gab hinreichend Nachfrage, weil Eisen nicht nur für die friedliche Produktion der Erntegeräte benötigt wurde, sondern auch für die Kriegsführung. Ein Markenzeichen des märkischen wie des kölnischen Sauerlandes war die Anfertigung der Kettenhemden, die in den zahlreichen Fehden und Kämpfen während der Ausbildung der Territorialstaaten im 13. Jahrhundert. Iserlohn und Marsberg waren neben Soest und Dortmund frühe Zentren der Waffenproduktion. Ihnen kam die Nähe zu den Eisen- und Kupfervorkommen zustatten, denn die einzelnen Kettenglieder, die zu einem Hemd zusammengeschmiedet wurden, enthielten sowohl Eisen als auch kleinere Mengen beigegebenen Kupfers. Während sich Marsberg auf den Kupferabbau konzentrierte, spielten auf der Briloner Hochfläche Blei und Galmei eine zentrale Rolle. Im Karstgebiet waren diese Erze relativ leicht erreichbar. Auch bei Bönkhausen und Endorf im heutigen Stadtgebiet von Sundern setzte bereits im 14. Jahrhundert der Bergbau auf Blei ein. Es ist wohl kein Zufall, dass der gelehrte Dominikaner Bartholomäus Angelicus um 1240 über den Hellweg zog und dabei über Westfalen notierte: fontes habet salis et montes fertiles in metalla (Es hat Salzbrunnen und reiche Metallvorkommen in den Bergen).

Ob das Spätmittelalter sich für das Sauerland als eine Krisenzeit durch die Pestumzüge nach 1348 darstellte, ist in der Forschung umstritten. In vielen europäischen Bergrevieren waren die oberflächennahen Lagerstätten abgebaut, tiefer gelegene Gruben konnten nicht mehr entwässert werden. Für das Sauerland fehlen vergleichbare Erscheinungen – im Gegenteil, es gibt Indizien, dass der Bergbau auf Eisen florierte. Die neue Technik der Floßöfen und Frischhütten löste im märkischen Sauerland eine größere Nachfrage nach Eisen aus. Im östlichen Teil des kölnischen Sauerlands blieb es länger bei den überkommenen Waldschmieden, während der Raum Olpe bis Arnsberg die neue Technik aufnahm. Nachweisen lässt sich das an einer Familie Massenbläser, die 1327 von (Kirch-)Hundem nach Grevenstein ausgewandert war. Sie hatte offenbar die Technik der Hochöfen und Massenöfen mitgebracht. Neben den Formen der Kontinuität dürfen wir nicht übersehen, dass es zu Wüstungen kam. Nicht nur Blankenrode, sondern beispielsweise auch die Vorgängersiedlung von Bleiwäsche wurde aufgegeben.

 Möglicherweise verliefen im Sauerland die Bergkonjunkturen anders als in den großen Revieren in Mitteleuropa. Während sie dort in den Jahren um 1475 in großem Stil wieder einsetzte, blühte das Sauerland erst viel später auf. Goslar und der Harz verzeichneten ab 1470 einen Bergsegen, im Erzgebirge wurde Bergstadt auf Bergstadt neu gegründet. Schwaz in Tirol erreichte im frühen 16. Jahrhundert die Zahl von 50 000 Einwohnern wegen seines Silberbergbaus. Wir tun gut daran, für das Sauerland viel bescheidenere Dimensionen anzunehmen. Auffällig ist ein Wandel in den damals schon alten Bergrevieren um Brilon und Marsberg. Ihr Wohlstand hing im 16. Jahrhundert weniger von Kupfer und Blei, sondern von Eisen ab. Beide Städte wirkten weit in ihre Umgebung hinein, bis tief in die Grafschaft Waldeck. Ihre Kaufleute finanzierten mit ihrem Kapital die Verhüttung der Eisenerze und die weitere Ausformung zu Stabeisen auf den Hammerwerken. Die Diemel und ihre Nebenflüsse Hoppecke und Itter waren dicht besetzt mit wassergetriebenen Anlagen. Wir erfahren von heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Stadtbürgern, Kloster Bredelar und benachbarten Adligen (z. B. dem Haus Padberg) um immer knapper werdende Ressourcen. Vor allem Holz wurde ein sehr begehrter Rohstoff. Zur guten Konjunktur trug der Einstieg in die Weiterverarbeitung bei. Ofen-, Glocken- und Geschützguss waren ein Markenzeichen der Region seit Beginn des 16. Jahrhunderts. Von Beverungen aus wurden jährlich mehrere hunderttausend Pfund Eisen und eiserne Öfen weserabwärts bis Bremen verschifft. Voraussetzung für das eisenverarbeitende Gewerbe war eine ausreichende Versorgung mit Erz. Im Zentrum stand der Briloner Eisenberg und der Assinghauser Grund, der zwischen Kurköln und Waldeck heftig umstritten war. Selbst auf dem Augsburger Reichstag 1555 wurde über diese Auseinandersetzungen gesprochen. Ein weiteres Zentrum der Eisenverarbeitung lag im heutigen Kreis Olpe. Auch die Lenne und ihre Nebenflüsse trieben immer mehr Hütten- und Hammerwerke an. Wahrscheinlich etablierte sich in dieser Zeit die Arbeitsteilung mit dem siegerländischen Bergbau, der seine Eisenerze zur weiteren Verarbeitung nach Norden versandte. Während in Brilon und Marsberg bürgerliche Familien den Bergbau und die Weiterverarbeitung kontrollierten, waren es im Einzugsgebiet der Lenne auch Adlige wie die Fürstenbergs, die zu Montanunternehmern wurden. Rückläufig war der Buntmetallbergbau. Er konzentrierte sich nur noch auf wenige Plätze im Herzogtum Westfalen. In Brilon und Marsberg schrumpfte die Zahl der Blei-, Galmei- und Kupfergruben auf je zwei. Wahrscheinlich lag die Ursache im fast vollständigen Abbau der reicheren Schichten. Eine vorübergehende Angelegenheit blieb die vermehrte Suche nach Blei während der kurzen Regentschaft des Mansfelder Kurfürsten Johann Gebhard von 1558 bis 1562. Er sandte Experten aus seiner Grafschaft ins Sauerland, um dort Blei für die thüringischen Saigerhütten zu gewinnen. Überall tauchten auswärtige Gewerken im Sauerland auf. Zum Beispiel engagierten sich Augsburger Gewerken im Bergwerk Kumpf bei Rüthen. In Silbach eröffneten Kaufleute aus Aachen, Antwerpen und Köln Bleiberg werke. Der kurze Boom nach 1559 bewirkte eine dauerhafte institutionelle Veränderung. Silbach bekam von Kurfürst Johann Gebhard die Rechte einer Bergfreiheit zugesprochen, die diese Gemeinde bis auf den heutigen Tag pflegt. Bekanntlich konnte dort im vorigen Jahr die 550. Wiederkehr der Verleihung der Rechte einer Bergfreiheit ein ganzes Jahr lang gefeiert werden. Als zweite Bergfreiheit erhielt später Endorf Sonderrechte von Kurfürst Ernst, dessen Bergmeister Lautenschläger hier auch seinen Sitz hatte.

Die zweihundert Jahre zwischen 1618 und 1815, zwischen dem Beginn des Dreißigjährigen Kriegs und dem Ende der Napoleonischen Zeit, lassen sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Zu ambivalent verlief die Entwicklung im Eisen- bzw. im Buntmetallbergbau. Vielen hoffnungsvollen Neuanfängen standen tiefe Enttäuschungen gegenüber. Kaum ein Bergwerk oder ein Revier förderte durchgängig. Die Folgen des Dreißig jährigen Krieges wurden insgesamt nur schlecht bewältigt, wobei noch offen ist, in welcher Weise der Krieg die regionale Montanwirtschaft beeinträchtigte. Durch Rüstungsaufträge, insbesondere durch den Geschützguss für ein niederländisches Konsortium um 1620, profitierte der Brilon-Marsberger Raum sogar vom Krieg. Eine von ihnen 1618 angelegte Geschützgießerei bei Marsberg berief sich ausdrücklich auf ein Privileg des Kurfürsten. Weitere Investitionen und Waffenkäufe, u. a. durch die Amsterdamer Familie Trip, stärkten bis 1633 die Wirtschaft des Herzogtums, das in der ersten Hälfte des Kriegs ein gefragter Waffenlieferant war. Erst in der zweiten Hälfe des großen Krieges stürzte „das Herzogtum Westfalen in eine langjährige und permanente Subsistenzkrise“, weil die landwirtschaftlichen Anbauflächen verwüstet wurden. Ob allerdings Eisenbergwerke und -hütten in gleicher Weise litten, darf bezweifelt werden. Aus Sicht Bremer Kaufleute war 1643 das Eisen aus dem Sauerland teuer und gefragt. Sie wehrten sich vehement gegen ihre Ausschaltung durch die Bremen meidende sogenannte Vorbeifahrt, wahrscheinlich in die Niederlande.

 Über 200 Jahre hinweg betrachtet gab es neben unternehmerischem Versagen kraftvolle Persönlichkeiten, die sogar nach 1648 ein sauerländisches Wirtschaftsbürgertum entstehen ließen. Technologisch fiel der Raum eher ab, denn die Wasserhaltungsprobleme wurden in den meisten Revieren vor 1815 nicht befriedigend gelöst.

Dies gilt vor allem für den im 16. Jahrhundert so erfolgreichen Eisenbergbau, in den Revieren um Brilon und Marsberg. Zwar gelang es, an die tiefer gelegenen Vorkommen im Briloner Eisenberg durch gewerkschaftlich betriebene Erbstollen im 18. Jahrhundert heranzukommen. Mit der Ausbeute des Briloner Eisenbergs konnten mehrere Hütten und Hammerwerke versorgt werden. Doch der Erfolgsbilanz der Familien Kannegießer, Ulrich, Unkraut und Kropff-Hester stehen ungelöste Wasserhaltungsprobleme am Enkenberg, am Grottenberg und im Giershagener Raum gegenüber. Zwar lagen die Eisenhütten und -hämmer im Raum Marsberg nicht still, doch wurden sie mindestens zeitweise abhängig von Eiseneinfuhren aus Waldeck. Gleiches gilt für die Hammerwerke im Assinghauser Grund, die sich nicht mehr auf Eisengruben im Bereich der oberen Ruhr und ihrer Nebenflüsse stützen konnten. Tiefgreifende soziale Folgen sind dort zu beobachten. Sowohl im Assinghauser Grund als auch im benachbarten Raum Medebach stellte sich im späten 17. und 18. Jahrhundert die Bevölkerung um: Hüttenmeister gingen zu Saisonarbeit über; Hammerschmiede fertigten Nägel, die wiederum im Wanderhandel vertrieben wurden.

Eine völlig gegenläufige Entwicklung nahm der Bereich an Lenne, Hönne und Sorpe, der nach allem, was wir derzeit wissen, an der Hochkonjunktur des 16. Jahrhunderts nicht teilgenommen hatte. Adlige Unternehmer (v. Dücker, v. Landsberg-Velen, v. Plettenberg, v. Wrede) eröffneten zwischen 1720 und 1750 die Suche nach Eisen. Auch die Betriebe des Hauses Fürstenberg-Herdringen gehören in diesen Zusammenhang, wenngleich sie stärker auf den Familienbesitz an der oberen Lenne und im Amt Bilstein ausgerichtet waren. Die adligen Häuser strebten Verbundlösungen mit dem Ziel an, vertikale konzernähnliche Strukturen aufzubauen: Eisen aus eigenen Gruben sollte verhüttet und zu Fertigprodukten weiterverarbeitet werden. Der Impuls zu diesem Aufbruch kam von auswärts. In jenen Jahren setzte jenseits der Grenze zur Grafschaft Mark in Iserlohn, Altena und Lüdenscheid eine Phase raschen Wachstums ein, die auf Kurköln ausstrahlte. Der Versuch, 1721 Drahtgewerbe bei Menden heimisch zu machen, lässt sich sogar als bewusste Gegengründung zur Mark interpretieren. Der Neuansatz durch adliges Unternehmertum zeigte Folgen. Erstens wurden Bergbezirke neu oder wieder erschlossen. Die Eisengruben um Balve, Amecke, Stockum, Endorf, Allendorf und Wildewiese waren seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zwar insgesamt nicht allzu ergiebig, blieben aber doch zum Teil bis in das 20. Jahrhundert in Betrieb. Die auf Holzkohle basierenden Hütten in Wocklum und Oberrödinghausen produzierten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Wenig Erfolg hatte die Gründung des Hauses Plettenberg-Lenhausen in Rönkhausen. Während die Hütte dort nach 1790 fehlschlug, hatten die Hämmer an der unteren Fretter bei Lenhausen größeren Erfolg. Durch Pacht oder Kauf fielen sie an märkische Unternehmer, die neben die adligen Unternehmer traten oder sie ersetzten. Namen wie Rumpe aus Altena, Brünninghausen, Geck und Hücking aus dem Raum Werdohl/Lüdenscheid oder Stahlschmidt, Thomee und Dulheuer waren zwischen Garbeck und Eslohe als Pächter oder Eigentümer von Hammerwerken geläufig. Der nordwestliche Teil des Herzogtums Westfalen war damit eng an das märkische Eisengewerbe angebunden. 1793/94 wollte sogar der preußische Staat die Vernetzung instrumentalisieren. Auf der Suche nach Herstellern von Kugeln ließ Fabrikenkommissar Eversmann über seinen Mittelsmann Dulheuer bei der Lenhauser Gewerkschaft nachfragen, ob sie nicht in Rönkhausen für die preußische Armee Kugeln herstellen wolle. Das Geschäft kam nicht zustande, weil der Reichsgraf v. Plettenberg zögerte. Bodenständiges Unternehmertum hielt sich in Olpe. Die dortigen Eisenhändler brachten nicht nur die Hämmer an Bigge und Lister an sich, sondern dehnten ihren Besitz bis an die obere Lenne und nach Kirchhundem aus. Zugleich etablierte sich mit der Wendener Hütte in den 1720er Jahren ein extern gegründeter Betrieb, der mehrere Hämmer im heutigen Kreis Olpe für sich arbeiten ließ. Als weitere Hütte darf die Dohmer Hütte vor den Toren Olpes nicht unterschätzt werden. Die Nachfrage dieser Hütten forcierte die Suche nach Eisen südlich von Olpe bei Thieringhausen, Elben und Gerlingen. Die Inbetriebnahme zahlreicher Gruben reichte aber nicht aus, um den Bedarf der Hütten- und Hammerwerke zu decken. Der Olper Raum war abhängig vom Import des Eisens aus nassauischen Hütten und damit selbst Teil einer weiträumig organisierten Produktionskette.

Kontinuierlichen Betrieb seit dem späten 16. Jahrhundert stellen wir in Warstein fest, wo das Unternehmen des Freiherrn Hoesch die Erze von Suttrop und die Holzkohle aus landesherrlichen Waldungen in einer protegierten Eisenhütte miteinander verband.

Die Bilanz des Buntmetallbergbaus nach 1618 fällt ähnlich zwiespältig aus wie beim Eisengewerbe. Keiner der bedeutenden Standorte des 16. Jahrhunderts produzierte ununterbrochen. Durchgängig in allen Revieren war ein mehr oder minder großer externer Einfluss. Der Kupferabbau in der Rhonard fiel im frühen 17. Jahrhundert in bürgerliche Hände, litt dabei Not und erholte sich erst, als die adlige Familie von Brabeck um 1680 die Gruben übernahm und mitsamt der Stachelauer Hütte zu neuer Blüte führte. Auch die Rhonard durchlief aber zwischenzeitlich Phasen, in denen die Wasserhaltung den Abbau gefährdete. Zwischen ca. 1690 und 1765 blühte der Kupferabbau in Silberg (Gem. Kirchhundem), der für längere Zeit in den Besitz des Pächters des Kasseler Messinghofs kam. Nach dessen Konkurs fand der Bergbau in Silberg nur auf deutlich eingeschränktem Niveau eine Fortsetzung. Der Bergbau um Ramsbeck stand nach dem Dreißigjährigen Krieg unter landesherrlichem Einfluss und ging dann in adligen und bürgerlichen Besitz über. Die Potentiale des Bastenbergs und Dörnbergs weckten immer wieder Hoffnungen, die jedoch im 18. Jahrhundert nicht richtig erfüllt wurden, zumal die Verhüttung bei Ramsbeck Probleme machte. Der Galmeibergbau um Brilon konzentrierte sich auf zwei Gruben, von denen eine unter hessischem Einfluss stand. Schon von der Anzahl der Bauten blieb er deutlich hinter dem hohen Mittelalter zurück. Ähnliches gilt für Silbach und den Marsberger Kupferbergbau, wobei letzterer jedoch nach 1690 neu belebt wurde. Vor allem setzte in der Umgebung von Marsberg die Suche nach alten wie neuen Kupfervorkommen ein. In Leitmar und Borntosten seit 1701, in Essentho seit 1712 sowie bei Giershagen lassen sich intensive Mutungen nachweisen, die jedoch selten auf Dauer Erfolg hatten. Direkt in Marsberg setzte im 18. Jahr hundert neuer Bergbau auf Kupferbergbau einschließlich der Verhüttung ein, der in das Industriezeitalter hinüberführte. In Marsberg spielten ebenfalls hessische Unternehmer eine wichtige Rolle. Äußerst erfolgreich war der auch im Marsberger Raum beteiligte protestantische Unternehmer Möller aus Warstein, der von hier aus ein weiträumiges Netz im Kupferhandel aufbaute. Nach 1681 erlosch der Kupferbergbau bei Rüthen. Bei Endorf verkümmerte der Bleibergbau im 18. Jahrhundert immer mehr. Auf der Kupferlagerstätte am Justenberg bei Hagen folgten den Arbeiten des 17. Jahrhunderts vor 1815 keine ernsthaften Versuche mehr. Weiterhin wurde aber im gesamten Territorium exploriert und experimentiert. Zu erwähnen ist der Grevensteiner Pfarrer Becker, dessen Versuche um 1730 zwischen Alchemie und modernem Labor standen. Neuansätze in Brunskappel scheiterten 1732. Die Versuche der Gebrüder Mette bei Saalhausen fanden seit 1780 Beachtung, während zur gleichen Zeit die Versuche, die Lager bei Glindfeld erneut zu erschließen, scheiterten.

Im Herzogtum Westfalen liefen einige Experimente, die nicht immer erfolglos waren. Die Gewinnung von Farbstoffen bei Meschede ging bis 1679 zurück. Das seltene Metall Antimon bei Arnsberg- Uentrop und bei Bestwig-Nuttlar erregte bereits um 1730 Aufmerksamkeit, wurde aber erst seit 1789 abgebaut. Mit der Anlage eines Blaufarbenwerks bei Oberkirchen scheiterte Christian von Fürstenberg 1745 ebenso wie der Bergmeister Kropff 1764 mit einer Vitriolfabrik in Marsberg. Selbst nach Steinkohle grub man im Herzogtum, wenngleich die Ausläufer der Lagerstätten an der Ruhr bis Wickede und Ense nur leere Versprechungen boten.

Als Preußen 1815/16 als neuer Landesherr in das Herzogtum Westfalen einzog, erhofften sich seine Bergbeamten wegen der Lagerstätten Gewinn aus dem Territorium. Zwar hatten die napoleonischen Kriege das Eisengewerbe stark beeinträchtigt, doch gab es Hoffnung auf neue Belebung. Diese Hoffnung trog. Die Hammerwerke des Olper Raums erholten sich nicht mehr. Erst nach 1870 gelang ein Neuanfang. Der Rückstand zum märkischen Sauerland und zum Siegerland ließ sich im 19. Jahrhundert nicht mehr aufholen. Nach 1830 gerieten die meisten der noch bestehenden Eisenhütten in eine tiefe Krise, weil sie zuerst gegen das importierte englische Eisen und dann gegen die Kokshochöfen an der Ruhr nicht mehr konkurrieren konnten. Dagegen hatten die Puddelwerke Erfolg, die seit 1827 auf ehemals kurkölnischem Boden entstanden und schufen eine Brücke zur Metallindustrie des 19./20. Jahrhunderts. Auch der Marsberger Kupferbergbau blühte nach 1832 auf, nachdem neue technologische Verfahren eingesetzt wurden, und blieb bis in das 20. Jahrhundert ein wichtiger lokaler Wirtschaftsfaktor. Zwar war in Ramsbeck das übersteigerte Bergbaufieber zwischen 1851 und 1854 nur von kurzer Dauer, doch darf nicht verkannt werden, dass reichere Partien an Blei, Kupfer und Zink hier noch bis 1974 abgebaut wurden. Unverkennbar ist, dass die ganz große Zeit des Bergbaus nach 1800 vorbei war.


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