Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Heimat in einer sich wandelnden Welt

Von der traditionellen Heimatarbeit zu einer neuen Sinnstiftung, die auch die Integration der ausländischen Mitbürger einschließt              
von Prof. Paul Leidinger*

 Von der 1891 in Berlin geborenen und 1970 in Stockholm verstorbenen jüdischen Dichterin Nelly Sachs, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1965 und des Nobelpreises für Literatur 1966, stammt der Satz: „An die Stelle von Heimat halte ich die Verwandlung der Welt.“ Darin drückt sich für sie zum einen die existentielle Erfahrung des Verlustes der angestammten realen Heimat aus, die sie in den 1930er Jahren vor dem NS-Terror verlassen musste, um ihr Leben zu retten, andererseits die Hoffnung und der Glaube an eine verwandelte Welt, die nicht mehr von örtlichen Bindungen bestimmt wird, sondern von überörtlich gültigen Maximen der Humanität, die in einem übergeordneten Sinn Heimat gibt. Wo das Recht des Menschen auf Heimat als ein Grundrecht menschlicher Existenz geachtet wird und seine freie Entfaltung gewährleistet ist, da ist – im Sinne von Nelly Sachs – Heimat. Das ist ein transzendentaler Heimatbegriff, der die Realien der Welt in allen ihren Facetten, die für Heimatvereine eine Grundlage ihrer Arbeit sind, abstreift und rechtliche Normen und ethische Prinzipien zur primären Grundlage der menschlichen Lebenswelt macht.

Ein solcher Heimatbegriff steht all denen nah, die – wie Nelly Sachs oder die deutschen Ostvertriebenen nach 1945 und viele Millionen Menschen in aller Welt – ihre angestammte Heimat durch Krieg und Gewalt, aber auch durch Umweltveränderungen verlassen mussten. Für sie ist Heimat eine örtlich nicht mehr gebundene, eine „verwandelte Welt“, in der die Erfahrung von Zwang und Leid des Menschen durch den Gewinn einer Humanität aufgehoben wird, die über Raum und Zeit hinweg eine sichere Bleibe in Frieden und Freiheit garantiert. Sie tritt an die Stelle von Heimat und ist ihre wesentliche Identifikation.

In anderer, aber angenäherter Weise hat der tschechische Staatspräsident und Schriftsteller Vaclav Havel bei seinem Staatsbesuch 1997 in Deutschland in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag den Begriff und die Funktion von Heimat verdeutlicht. Er öffnet die ortsgebundene Auffassung von Heimat zur Welt hin, wenn er sagt:„In seiner Ursprünglichkeit bezeichnet also das Wort Heimat keine abgeschlossene Struktur, sondern das Gegenteil davon: eine Struktur, die öffnet – eine Brücke zwischen dem Menschen und dem Weltall; ein Leitfaden, der vom Bekannten auf das Unbekannte, vom Sichtbaren auf das Unsichtbare, vom Verständlichen auf das Geheimnisvolle, vom Konkreten auf das Allgemeine verweist.“ Heimat ist für Vaclav Havel „der feste Boden unter den Füßen, auf dem der Mensch steht, wenn er sich zum Himmel aufrichtet.“ Er verweist damit darauf, dass die örtliche Abgeschlossenheit – soviel Sicherheit und Zufriedenheit sie auch gibt – nicht dem allein entspricht, was Heimat ist, sondern dass die Offenheit gegenüber der Außenwelt hinzukommen muss. In dieser Sinnbestimmung markiert der Heimatbegriff die größere Verankerung und Zielbestimmung unserer Existenz im Allgemeinen und Ewigen, zu dem der Mensch sich aufrichten soll.

In einem inzwischen globalen Zeitalter, das über das Fernsehen in Sekundenschnelle mit allen Enden der Erde verbinden kann, gewinnen diese überörtlichen Strukturen und Anforderungen an die Heimat immer mehr Gewicht: sie öffnen örtliche und nationale Denkweisen zu internationaler Verantwortung hin, die gerade bei Katastrophen in Notzeiten erfahren wird. Diese Verantwortung gilt jedoch nicht nur für den Ausnahmefall der Katastrophe, sondern allgemein. Sie muss unter den zunehmenden Beanspruchungen der Ressourcen unserer Erde auf die Erhaltung der gemeinsamen Lebensgrundlagen in der Welt gerichtet sein und das Bemühen um Frieden, Gerechtigkeit und Wohlfahrt für alle Menschen dieser Erde einschließen.

Allerdings wird der Mensch diesem Ziel nur gerecht werden können, wenn – wie Vaclav Havel es ausdrückt – der Boden, auf dem er steht, tragfähig bleibt. Der Blick der Heimatvereine geht daher zunächst weniger zu den Sternen als zu der kleinenWelt ihres Nahraums.Hier ist die Kreativität der Heimatvereine, sind ihre Initiativen und Innovationen sowie die Motivation ihrer Mitbürger in der örtlichen Gemeinde weiter gefragt wie auch die kritische Begleitung der Politik vor Ort, die die Heimatvereine zu einem Gewissen ihres Lebensraumes macht. In dieser realen Sinnbestimmung liegen vielfältige Möglichkeiten, die weiterhin gültigen traditionellen Aufgaben der Heimat- und Kulturpflege fortzuführen: Ortsgestaltung und Denkmalpflege, Naturschutz und Landschaftspflege, Geschichtsvermittlung und museale Sammlungen, die Pflege von Mundart und Brauchtum, den Aufbau eines Ortsarchivs u.a., sie mit neuen Ideen zu erfüllen und doch zugleich auch darüber hinaus sich dem zu nähern, was Vaclav Havel als Sinndeutung der Heimat versteht. Das ist für ihn – bei aller Unterschiedlichkeit der Ethnien, der Sprache, der Religionen, der Bräuche und Sitten, die Menschen trennen können –, das Bewusstsein dafür zu gewinnen, „dass wir Menschen miteinander eine gemeinsame Heimat der Gedanken, Werte und Ideale teilen“. Im Sinne von Nelly Sachs bedeutet es: eine verwandelte Welt der Humanität zu schaffen.

Diese Öffnung der Heimatarbeit zur Welt hin steht heute im örtlichen Bereich vor allem vor der Aufgabe, sich der Integration der in unserer Gesellschaft lebenden ausländischen Mitbürger anzunehmen. Die Heimatvereine haben nach 1945 wesentlich an einer erfolgreichen Eingliederung der deutschen Ostvertriebenen in der neuen Heimat, in die sie zumeist zwangsweise verbracht wurden, mitgewirkt und hier sowohl die materielle wie die ideelle Not mildern können. Heute stellt sich die in vielem ungleich schwierigere Aufgabe der Einbürgerung der zahlreichen Ausländer und auch der deutschen Aussiedler in unsere Gesellschaft, weil hierbei grundlegende sprachliche und kulturelle Hürden zu überwinden sind. Gerade die lokale Ebene spielt bei der Integration der ausländischen Mitbürger eine besondere Rolle, weil auf ihr das gesellschaftliche Zusammenleben sich am engsten vollzieht und Probleme sich am unmittelbarsten auswirken. In dem vereinten Bemühen der Kommunen, staatlicher und zivilrechtlicher Organisationen sollten die Heimatvereine nicht abseits stehen, sondern sich den neuen Herausforderungen in der ihnen zukommenden Weise öffnen.

Manche Heimatvereine kommen dieser Aufgabe inzwischen bereits mit besonderen Angeboten einer interkulturellen Zusammenarbeit nach. Aber das meiste bleibt noch über lange Zeit hin zu tun. Dabei geht es vor allem darum, das Herz der ausländischen Mitbürger zu er-   reichen und sie auch in ihren kulturellen Eigenarten anzunehmen. Das führt am ehesten dazu, dass sich die Neubürger auch ihren neuen Lebensraum mit dessen Kultur als künftige Heimat erschließen. Nur dadurch kann ein Klima des Miteinanders erreicht werden, das tragfähig für eine Einbürgerung und gemeinsame Zukunft ist.

Die deutsche Aufnahmegesellschaft ist aufgrund der strukturellen Bevölkerungsabnahme inzwischen auf Zuwanderungen und Einbürgerungen von Neubürgern angewiesen, wenn der bisherige Lebensstandard gehalten und zukünftig gesichert werden soll. Eine gemeinsame Zukunft setzt in jedem Fall SAUERLAND NR. 1/2011 19 grundlegende Gemeinsamkeiten voraus. Diese stellen sich nicht von selbst ein, sondern sind die Frucht wechselseitiger Anstrengungen, auf einander zuzugehen. Die Heimatvereine sollten hierzu die ersten Schritte tun.


* Prof. Dr. Paul Leidinger, Vorsitzender des Kreisheimatvereins Beckum-Warendorf e.V. und
Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Münster von 1916 e.V.,
Luise-Hensel-Str. 3, 48231 Warendorf / paul@leidinger.org / Tel. 02581-1301


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