Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Stationen des „Alten Klosters“ – Eine Hochschule in Oeventrop
Sauerland 2009/1
von Gerd Kessler

 

Kloster Oventrop

 

Im Oktober 2007 verstarb Pater Martin Kleespieß (8. Februar 1927 – 21. Oktober 2007). Er war der letzte Superior des Missionshauses in Oeventrop. Das neue Kloster auf dem Haarscheid benötigt diese Position heute nicht mehr. In dem großen Kalksandsteinbau unterhalb des Plackweges, fast auf dem höchsten Punkt des Dorfes, leben noch eine Ordensschwester, zwei Patres und ein Bruder, alle hochbetagt. Das Haus steht seit geraumer Zeit zum Verkauf. Niemand will es haben. Eine traurige Geschichte, ein trauriges Ende des mehr als 105-jährigen Klosterlebens in Oeventrop.

Der Zeitraum ist kurz für ein traditionelles Kloster oder ein Ordenshaus. Aber diese Zeitspanne hat das geistliche und kulturelle Leben in Oeventrop, im Sauerland und in den Missionsgebieten nachhaltig geprägt. Es begann eigentlich in Rumbeck. Hier stand die eigentliche Wiege des Oeventroper kirchlichen Lebens. Am Rumbecker Pfarrhaus findet man eine Bronzetafel, die an Dechant Caspar Berens (1836–1912) erinnert. Berens, der Verfasser des Kolpingliedes, kam 1870 als Pfarrer nach Rumbeck. Er wirkte hier bis zu seinem Tod im Jahr 1912, also 42 Jahre. Er war auch gleichzeitig Pfarrer für Oeventrop. Die Ruhrdörfer waren erst 1858 gegen heftigen Widerstand der ab diesem Zeitpunkt selbstständigen Pfarrei zugeschlagen worden. Berens baute dann 1898 die Oeventroper Kirche. Er war auch Initiator des Klosters in Oeventrop.

Die Missionare vom Hl. Herzen Jesu (MSC = Missionarii Sacratissimi Cordis Jesu) konnten erst nach dem Ende des Kulturkampfes in Deutschland Fuß fassen. Sie ließen sich zuerst in Hiltrup (Münster) nieder. Schon bald suchte man zusätzlich einen anderen Ort für ein Scholastikat. Der Superior des Hiltruper Klosters kam bei einem Ferienaufenthalt mit Dechant Berens in Kontakt. Bald festigte sich sein Entschluss, eine theologische Lehranstalt in der Umgebung von Arnsberg zu errichten. Ein Grundstück in Neheim wurde angeboten, sogar Kloster Himmelpforten wurde in Erwägung gezogen. Die Wahl aber fiel auf Oeventrop. Auf der Egge, einem Berg, der zur Rechten am Oeventroper Ortseingang liegt, wenn man von Freienohl aus über die heutige B 7 kommt, wurde das Kloster errichtet. Auf dem Grundstück (21 Morgen Ackerland und 20 Morgen Wald) entstand ein Bauwerk von in dieser Gegend riesigen Ausmaßen: 75 m lang, 15 m breit, der linke Flügel ist 45 m lang und 11 m breit, der rechte 24 m lang und ebenfalls 11 m breit. Die Höhe des Gebäudes ist 15 m, gekrönt von einem spitzen Turm, der nach dem furchtbaren Brand von 1946 nicht wieder aufgebaut wurde.

1902 weihte Dechant Berens den roten Klinkerbau ein. Danach füllte sich bald das Haus. Nach dem Abitur kamen die Studenten. Sie studierten zunächst Philosophie, dann Theologie, um nach etwa fünf Jahren zum Priester geweiht zu werden. Neben den Studenten waren die hoch geachteten Hochschullehrer tätig.

Im Jahr 1938 zählte man 93 Studenten, 18 Hochschullehrer – also Professoren, 10 „normale“ Priester und Seelsorger, 12 Laienbrüder für die umfangreichen Arbeiten im Haus, Garten usw., sechs Nonnen (Küche) sowie fünf Heimwerker aus dem Ort und einige Putzfrauen.
Schon bald nach der Gründung des Klosters konnte man sich den eigentlichen Aufgaben des Ordens widmen: der Mission. Zunächst Papua Neuguinea (dort wirkt seit 1964 u. a. der bekannte, aus Vosswinkel stammende Erzbischof Karl Hesse). Stationen in China, Afrika und Peru wurden bis 1969 von Oeventrop aus missioniert.

Die Blütezeit des Klosters fand 1939 ein jähes Ende. Es erfolgte auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes die Beschlagnahme. Die Studenten wurden nach Kleve verlegt. Wenige Patres und Brüder kamen im Wirtschaftsgebäude neben dem Kloster unter. Für die Priester und Brüder in den Missionsgebieten brach eine harte Zeit an. Viele kamen in japanische Konzentrationslager, andere wurden brutal ermordet. Das Kloster wurde das „Reservelazarett Oeventrop“. Es war Heil- und Pflegestätte für lungenkranke Soldaten. Hermann Springborn, Patient des Hauses, begann hier zu malen. Nach dem Krieg blieb er in Oeventrop. Seine Bilder der sauerländischen Landschaft sind geschätzt und werden hoch gehandelt. Von diesem, trotz schwerer Krankheit immer lebensfrohen Menschen stammt der Name „Mottenburg” (die Volkskrankheit Lungentuberkulose wurde umgangssprachlich „die Motten” genannt). Ca. 1300 Menschen starben in den Kriegsjahren im Kloster. Viele haben ihre letzte Ruhestätte auf dem Soldatenfriedhof in Oeventrop gefunden. Nach dem Krieg fanden ca. 200 alte und kranke Menschen unter Federführung der Caritas Dortmund meist bis zu ihrem Tod dort Unterkunft.

Langsam kamen auch die Patres und Studenten zurück. Das kulturelle Leben wurde durch diese durchaus fröhlichen, jungen Menschen geprägt. Niveauvolle Theateraufführungen, Musik und Gesangvorführungen wurden in der Gemeinde dankbar registriert. Es war unser Kloster.  Die Studenten besuchten die Familien und auch die Feste. Viele Stunden habe ich in meinen Jugendjahren mit einigen von ihnen verbracht. Als 1969 das Ordensseminar Oeventrop seine Pforten schloss, war das auch das Ende der hochangesehenen „Thomas-Akademie“. Bedeutende Gäste dozierten dort. Man sollte erwähnen: den Theologieprofessor Dr. Josef Ratzinger, der damals in Münster lehrte (heute Papst Benedikt XVI.). Das Kloster bekam eine neue Bestimmung. Der Orden zog in ein neues Haus; die Architekten von Hausen und Ruve errichteten einen neuen Zweckbau für ältere Patres, die dort ihren Lebensabend verbringen sollten. 1975 wurde das Gebäude eingeweiht. Es hat nicht funktioniert. Dem neuen Kloster fehlte die Bindung zum Ort, man sah immer noch das „alte Kloster“.  Nie wurde es richtig mit Leben erfüllt. Die Alten kamen nicht, die jungen waren nicht da. Kein Chorgesang mehr während der Gottesdienste. Kein Leben in den eigentlich modern eingerichteten Räumen. Das Haus schweigt. Vier Personen auf mehr als 1000 m² Wohnfläche. Ein trauriges Ende. Das Kloster, sprich das „alte Kloster“, hat nach dem Auszug der Patres keine glanzvolle Zeit mehr erlebt.

Es war ein trauriges Bild: Die Bibliothek (45 000 Bände!) wurde an die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek in Paderborn verkauft. Das Missionsmuseum „Schätze der Südsee“, in alle Winde zerstreut.

Neue Zeiten begannen für das alte Haus. „Haus Oeventrop“, ein Heim für schwer erziehbare Kinder. Diese zerstörten im Klosterwald alles, was liebevoll errichtet worden war. U. a. eine Votivkapelle, entworfen von dem bekannten Architekten Gottfried Böhm. Dieses Intermezzo endete nach fünf Jahren. Heute ist im Kloster eine Suchtklinik untergebracht. Welch ein Bogen über 100 Jahre von einem „Haus Gottes“ zum „Teufel Alkohol“. Es ist gestattet, dass am Schluss dieses Berichts ein wenig Wehmut anklingt. Fazit: Die ältere Generation spricht immer noch vom „alten Kloster“. Der Name Klosterwald ist geblieben. Ein Teil von ihm wurde vor 20 Jahren dem Oeventroper Friedhof zugeschlagen. Mehr als 450 Priester sind aus der Ordenshochschule hervorgegangen. Sie gingen in alle Welt, um den Glauben zu verkünden oder blieben in Deutschland und übernahmen seelsorgerische Aufgaben oder übten Lehrtätigkeiten aus. Mehr als 40 Professoren haben in Oeventrop gelehrt. In 250 Gemeinden der Diözesen Paderborn, Münster, Köln, Trier usw. waren Absolventen des Klosters Oeventrop als Lehrer oder seelsorgerisch tätig.

Eine Vergangenheit also, die hoffentlich noch in die Zukunft wirkt und ein Kapitel Ortsgeschichte, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Quellen:
Zens, Heinrich: 25-jähriges Jubiläum des Herz-Jesu-Missionshauses in Oeventrop, in: Central-Volksblatt vom 20. 7. 1927, Beilage.
Derselbe: 50 Jahre Oeventroper Herz-Jesu-Missionshaus, in: Westfalenpost vom 23. 7. 1952.
Kessemeier, Carl/ Kessemeier, Siegfried (Bearb.): Die Ruhrdörfer, Arnsberg 1982.


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