Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Erinnerungskultur – Nostalgie – Identifikationsmittel – kulturpolitische Pflichtübung?
Was geht uns im Zeitalter der Globalisierung die Geschichte einer Region
wie des kurkölnischen Herzogtums Westfalen an?

von Prof. Dr. theol. Dr. phil. Harm Klueting*

Meine Damen und Herren!

Warum machen wir das eigentlich? Warum investiert man viel Geld, und warum wendet man viel Arbeit auf, um eine Ausstellung über „Kurfürst, Adel und Bürger“ zustande zu bringen.

Klüting

Prof. Dr. Dr. Harm Klueting bei seinem Vortrag
Foto: Hans Wevering

Bürger – das mag noch angehen. Bürger sind wir ja selbst in unserer Bürgergesellschaft, die aber längst nicht mehr die Bürgerliche Gesellschaft ist, auch wenn wir noch immer Bürgerrechte haben und Bürgerpflichten wahrnehmen und das Bürgerliche Gesetzbuch die Rechtsbeziehungen der Einzelnen und ihrer Vereinigungen reguliert. Aber Adel? Den gibt es doch gar nicht mehr, seit die Weimarer Reichsverfassung 1919, also vor 90 Jahren, in ihrem Artikel 109 festsetzte, dass öffentlich-rechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes aufzuheben seien und Adelsbezeichnungen wie der „Freiherr zu“ nur als Teil des Namens gelten und nicht mehr verliehen werden dürften. Und Kurfürsten gar? Wer kann mit diesem Titel noch etwas anfangen? Stammt der nicht aus vordemokratischen Zeiten, als nicht – wie heute – die Bundesversammlung oder – wie in der ersten deutschen Republik – das ganze Volk das Staatsoberhaupt, den Bundes- oder Reichspräsidenten, wählte, sondern in der die Wahl des Kaisers sieben, später acht und zeitweise neun Kurfürsten vorbehalten war? Da runter drei hohe katholische Geistliche, die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln? Soll man daran überhaupt noch erinnern, wo wir doch die Trennung von Staat und Kirche haben? In Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung, der als Bestand teil des Grundgesetzes (Art. 140) auch heute geltendes Verfassungsrecht ist, lesen wir: „Es besteht keine Staatskirche.“ Und dann die Wahl des Staatsoberhauptes durch drei katholische Kirchenführer? Ist die Erinnerung daran für unsere evangelischen, jüdischen, muslimischen, konfessionslosen oder atheistischen Mitbürger überhaupt zumutbar? Die letzte Kaiserwahl durch die Kurfürsten fand am 5. Juli 1792 in Frankfurt am Main statt. Wenige Wochen später, am 10. August 1792 wurde in Paris die königliche Familie ins Gefängnis geworfen und am 21. September desselben Jahres die Monarchie abgeschafft, bevor das Leben König Ludwigs XVI. am 21. Januar 1793 auf dem Schafott auf der heutigen Place de la Concorde in Paris endete. Am 24. Juni 1793 wurde die Verfassung der ersten französischen Republik erlassen. Vorangestellt war die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die „Décla ration des droits de l’homme et du citoyen“ vom 26. August 1789. Geht uns das – falls uns Geschichte überhaupt etwas angeht – nicht vielmehr an als die „ollen Kurfürsten“, Demokraten und Republikaner, für die wir uns halten?

Titelseite Kurkölnisches Sauerland

Titelseite,
zum Inhalt Näheres: hier

Vor wenigen Tagen, am 29. September, wurde in Meschede das Buch „Das Herzogtum Westfalen“ vorgestellt. Auf fast 1000 Seiten schreiben 24 Autoren und Autorinnen über „Das kurkölnische Herzogtum Westfalen von den Anfängen der kölnischen Herrschaft im südlichen Westfalen bis zur Säkularisation 1803“. Diese Anfänge, über die wir nur wenig wissen, verlieren sich im 8. und 9. Jahrhundert. Warum machen diese 24 Leute das? Sicher nicht wegen des Geldes, das damit zu verdienen war. So gewaltig war das Honorar nicht. Dabei hat das Werk, dem in Kürze ein zweiter Band von ähnlichem Umfang folgen wird, viel Geld gekostet. Aufgebracht hat dieses Geld der Steuerzahler, der Sparer, der Anleger und der Beitragszahler – übrigens ohne danach gefragt zu werden. Es stammt aus einer „Zehn-Cent-pro-Bürger“-Umlage der Städte und Gemeinden des kurkölnischen Sauerlandes sowie aus Zuschüssen der Sparkassen, der Nordrhein-Westfalen-Stiftung, der Kulturstiftung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe selbst, des Westfälischen Heimatbundes, des Sauerländer Heimatbundes und des Hochsauerlandkreises, also von Gemeinden und Kommunalverbänden, Gemeinnützigen Anstalten des öffentlichen Rechts, Stiftungen öffentlichen Rechts und eingetragenen Vereinen.

Aber warum leisten diese Institutionen sich das? Und noch dazu für ein solches Objekt, für das kurkölnische Herzogtum Westfalen? Also für eine Region, die niemals im Mittelpunkt stand, in der es keine große Stadt gibt, keinen Sitz einer Landesregierung, keinen Bischofssitz, keine Universität, keine Festivals, keine Messen und auch keine ausländischen Touristen – sieht man ab von den Feriengästen aus den Niederlanden – und nicht einmal eine Bahnstation, an der ICE-Züge halten, sondern nur eine nicht elektrifizierte Bahnstrecke durch das Ruhrtal und eine zur Regionalstrecke degradierte Bahnstrecke durch das Lennetal, wobei wir vom Zustand der meisten Bahnhöfe lieber gar nicht reden wollen. Also „Provinz pur“!

Bloße Heimatliebe kann es nicht sein. Die Autoren des „dicken Buches“ stammen zum größeren Teil nicht aus dem kurkölnischen Sauerland. Und auch im kurkölnischen Sauerland leben viele Menschen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern weit entfernt geboren wurden: In den östlichen Provinzen des ehemaligen Deutschen Reiches, in Polen, in der ehemaligen Sowjetunion, in anderen Teilen des heutigen Deutschland, in Italien, Rumänien, der Türkei, in Indien oder in Afrika. Auch das sind Steuerzahler, deren Geld also auch in diesem Buch steckt. Andere stammen zwar aus dem kurkölnischen Sauerland und leben hier auch noch, verdienen ihr Geld aber in Dortmund oder in Düsseldorf, in Köln, in Münster oder in Paderborn. Das sind die Pendler, die es auch in der Variante des Fernpendlers gibt, der in der Woche in Frankfurt am Main, in Berlin oder in München lebt und arbeitet und sich nur über das Wochenende an seinem Wohnsitz im Sauerland aufhält. Auch ich bin ein solcher Fernpendler und fahre jede Woche mit der Bahn zwischen Köln und Fribourg in der französischen Schweiz hin und her.

Unsere Lebensumstände haben sich in den sechzig Jahren, die mein eigenes Leben inzwischen zählt, stärker als jemals zuvor verändert. Pendlerexistenzen dieser Art gab es früher nicht. Unsere Raumbeziehungen sind vollkommen anders als in meinen Kindertagen. Und auch im Sauerland stehen Computer. Wir alle sind, seit es das Internet gibt, weltweit vernetzt und erfahren „in Echtzeit“ von dem Erdbeben in Japan, von der Terroristen tat in Pakistan oder von dem Amoklauf in einer Highschool in Ame rika. Was gehen uns die Anfänge der kölnischen Herrschaft im südlichen Westfalen im 8. und 9. Jahrhundert an? Was die Grafen von Werl oder die Veme in Westfalen? Die Soester Fehde? Oder die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städte, von denen die größten kleiner waren als heutige Dörfer? Hat ein heutiger Bürgermeister von Arnsberg oder Olpe nicht ganz andere Aufgaben und ganz andere Probleme als ein Bürgermeister von Arnsberg oder Olpe im 15. oder im 17. Jahrhundert? Und haben wir nicht ganz andere Probleme als jene Menschen, die unter Strohdächern lebten, ohne Elektrizität, ohne andere Verkehrsmittel als Pferd und Wagen und meistens nur die eigenen Füße?

Wenn heute – im September 2008 – die Investmentbank Lehman Brothers an der Wall Street in New York in Konkurs geht, wenn General Motors in Detroit in Absatzschwierigkeiten gerät, wenn an den Börsen von Shanghai, Tokio oder Singapur die Aktienkurse fallen, geraten mittelständische Betriebe im kurkölnischen Sauerland in Absatzflauten oder Kreditklemmen oder in beides zugleich und geraten Arbeitsplätze in Gefahr. Wenn es im 15. oder im 17. Jahrhundert im Sommer zu lange und zu viel regnete, wenn späte Fröste auftraten, wenn Schädlinge das Getreide vor der Ernte auffrassen, dann gab es im Jahr darauf eine Hungerkrise, die über ihre unmittelbaren Auswirkungen hinaus die Verbreitung epidemischer Krankheiten förderte und zum Rückgang der Geburtenzahlen führte. Die heutigen Probleme hängen mit der weiträumigen, ja weltweiten – globalen – Vernetzung zusammen; die damaligen Probleme waren Folge der Kleinräumigkeit. Die Missernte hier konnte durch Getreideüberschüsse einige hundert Kilometer entfernt nicht ausgeglichen werden, weil die gegenüber heute völlig unterentwickelten Transportmittel und Transportwege, aber auch Binnenzölle und behördliche Restriktionen, dem entgegenstanden. Es waren keine paradiesischen Zustände, sondern Zeiten ständig drohender Krise und Not und insofern ganz ähnlich wie heute – aber doch wieder ganz anders. So anders, dass wir eigentlich doch alle überzeugt sind, dass mit den damaligen Krisenbewältigungsstrategien heute nichts mehr anzufangen ist. Noch schlimmer: Die damaligen Lösungen haben die heutigen Probleme in erheblichem Maße verursacht. Ich meine die weltweite Klimakrise durch anthropogene Klimaveränderung Kohlendioxid-Emission, Temperaturanstieg, schmelzenden Polkappen und Alpengletscher –, die nur noch von Zweckoptimisten geleugnet wird.

In Deutschland gab es die beiden letzten, für das Mittelalter und die frühe Neuzeit typischen großen Hungerkrisen, die durch Ernteschwankungen ausgelöst wurden, 1816/17 und 1847, wobei die Krise von 1816/17 in Westfalen noch schlimmer war als die von 1847. 1846 gab es eine schwere Missernte. Der Ernteausfall beim Brotgetreide betrug in ganz Deutschland 41 % des normalen Ernteertrags. Hinzu kam infolge einer „Kartoffelfäule“ eine wesentliche Einschränkung der Kartoffelernte. Die Brotpreise stiegen 1846 um mehr als 100 %, die Kartoffelpreise um 60 %. 1847 setzte sich der Preisanstieg fort, der beim Getreide durchschnittlich 124 % und bei den Kartoffeln 130 % betrug. Durch mangelhafte Ernährung wurden die Menschen in den einkommensschwachen Schichten und somit in der Masse der Bevölkerung gesundheitlich geschwächt. Dadurch kam es im Krisenjahr 1847 und im Frühjahr 1848 zur Verbreitung von Durchfall mit Kreislaufkollaps, Ruhr und Flecktyphus. Das waren „die guten alten Zeiten“. Die „Krisen vom ‚type ancien‘“, wie Historiker das nennen, sind uns seit 1847 erspart geblieben. Warum? Weil es die Industrialisierung gab, die in England im späteren 18. Jahrhundert einsetzte und in Deutschland zwischen 1835 und 1870 begann. Die Industrialisierung löste das Armuts- und Hungerproblem. Entscheidend wurde der Arbeitskräftebedarf der entstehenden Großindustrie, besonders der Tiefbauzechen des Ruhrgebietes, der Hüttenwerke, der Maschinenbaufabriken und der Eisenbahn. Zugleich löste der mit der Industrialisierung verbundene Eisenbahnbau eine Transportrevolution aus, während die Industrie Produkte erzeugte, die das Problem der Nahrungsmittelknappheit bei steigender Bevölkerung – die berühmten Malthusianscissors – lösten, sei es durch Industriegüter, die sich in getreideproduzierende Länder absetzen ließen, sei es durch den von der Chemieindustrie produzierten künstlichen Dünger. Natürlich waren die Zu sam menhänge viel komplizierter, als ich sie hier darstellen kann. Komplizierter als hier darstellbar waren auch die Folgen. Deutlich ist aber immerhin, dass die Industrialisierung nicht nur zuvor unlösbare Probleme löste, sondern auch neue Probleme schuf. Sie führte nicht nur in unsere anthropogene Klimakrise; sie schuf den Zwang zum Wirtschaftswachstum, zum economicgrowth, dessen Problematik uns 1973 mit der sog. ersten Ölkrise und mit den damals immer deutlicher werdenden Umweltproblemen bewusst zu werden

begann, was in jener Zeit Diskussionen über „Null-Wachstum“ und über „Grenzen des Wachstums“ brachte. Aber die Industrialisierung bewirkte noch mehr: Sie beseitigte zwar die alten, durch Ernteschwankungen verursachten Krisen, ließ an deren Stelle aber die durch Konjunktur- und Wachstumsschwankungen ausgelösten Wirtschaftskrisen des Industriezeitalters treten, wie England das schon 1847/48 mit der Stagnation des Eisenbahnbaus, die zu Massenentlassungen führte, und mit den Auswirkungen des Börsen- und Finanzkrachs in London und New York und wie Deutschland es mit der zwanzig Jahre andauernden Depression der Jahre 1873 bis 1893 erlebte.

Wir leben heute also in einer ganz anderen Welt und haben ganz andere Probleme als die Menschen im 15. oder im 17. Jahrhundert in den Dörfern, Städten und Freiheiten des kurkölnischen Herzogtums Westfalen, die nichts wussten von Konjunktur- und Wachstumskrisen, nichts von Klimakrisen, aber auch nichts von Hightech-Industrie. Menschen, die auf steinigen Äckern Gerste und Roggen anbauten, den Pflug hinter Pferde oder Ochsen spannten, das Plumpsklo benutzten und den Inhalt der Jauchengrube als Dünger verwendeten – was es übrigens hier und da und auch im Sauerland bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab.

Also noch einmal die Frage: Warum geben wir Geld aus für die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die doch mit unserer Gegenwart nichts mehr zu tun zu haben scheint, noch dazu mit der Vergangenheit einer periphärer Region wie des kurkölnischen Sauerlandes?

Die Städte und Gemeinden, die mit der erwähnten „Zehn-Cent-pro-Bürger“- Umlage das neue Buch über die Geschichte des Herzogtums Westfalen mitfinanziert haben, sind dazu nicht verpflichtet. Auch der Hochsauerlandkreis ist nicht verpflichtet, das Sauerland-Museum zu unterhalten und Ausstellungen wie die zu ermöglichen, die heute eröffnet wird. Kommunalpolitiker sprechen von „freiwilligen Aufgaben“ – ein Begriff, für den es keine Legaldefinition gibt. Die Gemeindeordnung von Nordrhein- Westfalen kennt nur den Begriff der „Pflichtaufgaben“. Das sind nach § 3 der Gemeindeordnung Auf gaben, die den Gemeinden durch Gesetz auferlegt werden. Freiwillige Aufgaben sind also solche, die eine Gemeinde übernimmt, ohne durch Gesetz dazu verpflichtet zu sein. Die Sorge für das Archivgut, also auch die Sorge für schriftliche Dokumente aus längst vergangener Zeit, ist nach dem Archivgesetz des Landes eine Pflichtaufgabe der Gemeinden, der sie aber nicht nur durch Errichtung und Unterhaltung eigener Archive nachkommen können, sondern auch durch Übergabe des Archivguts zur Verwahrung an ein anderes öffentliches Archiv. Aber kein Gesetz verpflichtet Gemeinden zur Veranstaltung historischer Ausstellungen oder zur Förderung der historischen Forschung.

Warum machen Gemeinden und Kommunalverbände das dann aber doch? Und warum kommen Privatleute, die in der Welt der Hightech-Industrie zu Hause sind und sich täglich ihrer Produkte bedienen, in eine historische Ausstellung. Und warum lesen sie vielleicht sogar ein historisches Buch? Vielleicht sogar über die Geschichte einer periphären Region wie das kurkölnische Sauerland, in der sie aufgewachsen sind oder in der sie zufällig leben?

Ist das bei den verantwortlichen Kommunalpolitikern eine kulturpolitische Pflichtübung? Pflicht jetzt nicht im juristischen Sinne? Eine Pflichtübung, um den Eindruck des Banausentums zu vermeiden? Als Banausen bezeichnen wir einen Menschen ohne Sinn für Kunst und Kultur. Noch immer macht es einen guten Eindruck, als kulturell aufgeschlossen zu gelten. Zum kulturellen Interesse wird auch der Sinn für Historisches gezählt. Es macht sich gut, in einer Stadt mit beachtlichen Bauwerken für Denkmal pflege einzutreten. Wir wären blind, wenn wir bei den Entscheidungsträgern in Gemeinden und Kommunalverbänden in allen Fällen diese Form von kulturpolitischer Pflichtübung zur ImageWahrung ausschließen wollten. Formen solcher Image-Wahrung gibt es auch bei Privatleuten.

Ist es bei den Privatleuten Nostalgie, die sie mitunter in ein historisches Museum gehen oder zu einem Buch über Geschichte, auch über Geschichte ihrer engeren Umgebung, greifen lässt? Das Wort Nostalgie kam in den späteren 1970er und den 1980er Jahren zeitweisein Mode. Wer das Glück hat, ein Gymnasium besucht und dort auch noch Griechisch gelernt zu haben, der erinnert sich vielleicht an die griechischen Wörter
griechische Wörter
heimkehren.

Daher kommt „Nostalgie“. Nostalgie ist das Verlangen nach Heimkehr. Heimkehr an Orte eigener früherer Lebenszeit, wo möglich an Orte der Kindheit. Wir haben im Deutschen viele Lieder und Gedichte, die das ausdrücken. Wilhelm Müllers „Am Brunnen vor dem Tore / da steht ein Lindenbaum“, vertont von Franz Schubert, ist ein solches Beispiel. Es endet mit den Worten: „Nun bin ich manche Stunde / entfernt von jenem Ort / und immer hör ich’s rauschen: / du fändest Ruhe dort.“ Nostalgie als Verlangen nach Heimkehr und nach einem Ruhe punkt kann ihren imaginären Ort auch überindividuell in der „guten alte Zeit“ haben, als die Welt und das Leben scheinbar noch „in Ordnung“ und die „Kirche noch im Dorf“ war. Nostalgie wird dann zur Butzenscheibenromantik, zur Verklärung der Vergangenheit. Nostalgie schließt die Augen vor den Hungerkrisen, von denen ich gesprochen habe. Nostalgie kann auch infantile Züge annehmen. Man begegnet ihnen neuerdings an Sommerwochenenden auf sogenannten Mittelaltermärkten oder an Orten, an denen sich erwachsene Männer zu Ritterspielen aufmachen, wie das vor 50 Jahren mit Holzschwertern bewaffnete Zehnjährige taten. Wir leben ja in einer teilweise infantilisierten Gesellschaft. Oder dient Geschichte der Politik als Identifikationsmittel? So ist es in Monarchien, in denen die Beschäftigung von Schulkindern mit der Geschichte des Königshauses den monarchischen Gedanken stärken soll. So ist es in den Vereinigten Staaten von Amerika am Independence Day, dem 4. Juli, an dem man der Verkündung der Unabhängigkeit der 13 Kolonien an der Ostküste Nordamerikas von Großbritannien 1776 gedenkt, so ist es in Frankreich mit der Fête nationale, dem 14. Juli, an dem sich Frankreich des Sturmes auf die Bastille 1789 und seiner republikanischen Tradition erinnert, so ist es in der Schweiz mit der „Bundesfeier“, dem 1. August, dem Tag der Erinnerung an den Rütlischwur von 1291. Geschichte als kommunalpolitisches Identifikationsmittel erleben wir bei jedem Stadtjubiläum, dessen Anlass die runde Zahl der Wiederkehr der urkundlichen Ersterwähnung des Ortsnamens ist. Die deutschen Bundesländer hätten gern solche historischen Identifikationsmittel. Die meisten haben sie nicht, oder sie reichen – auch in Bayern – kaum vor das 19. Jahr hundert zurück. Das ist anders in Österreich, wo die Erinnerung an die Urkunde Kaiser Ottos III. von 996, in der in althochdeutscher Form erstmals der Name „Österreich“ erscheint, und die Erinnerung an die Babenbergerherzöge und ihr Privilegium minus von 1156 zur historischen Begründung österreichischer Eigenstaatlichkeit gegenüber Deutschland beiträgt. In Österreich steht Erinnerungskultur unmittelbar im Dienst heutiger Politik. Deswegen leben Histo riker ganz gut und deshalb blüht das historische Ausstellungswesen in der Republik Österreich, die nach der Einwohnerzahl nicht größer ist als der Landesteil Westfalen in Nordrhein-Westfalen. Es gab auch die politische Erinnerungskultur der ehemaligen DDR. Hier wurden Martin Luther, die Reformation und der Bauernkrieg von 1525 als „frühbürgerliche Revolution“ bezeichnet, als Etappen der säkularisierten Heilsgeschichte des Marxismus-Leninismus interpretiert und als „Erbe“ des sog. Arbeiter- und Bauernstaates in Anspruch genommen. Auch hier ging es um Traditionsstiftung aus Geschichte, hier im Sinne der sog. „Progressiven Klassenlinie“ in der deutschen Geschichte.

Geschichte kann als Identifikationsmittel auch für Landesteile deutscher Bundesländer politisch nützlich sein – man denke an Franken in Bayern, an die Pfalz in Rheinland-Pfalz und selbstverständlich an Westfalen in Nordrhein- Westfalen, um von Lippe gar nicht erst zu reden. So kann es auch Erinnerungskultur im ehemaligen kurkölnischen Herzogtums Westfalen geben – oder besser: im kurkölnischen Sauerland, weil die kurkölnische Identität in den Hell wegstädten Werl oder Geseke, vom abtrünnigen Soest zu schweigen, fast gar nicht vorhanden ist. Es geht dann um die historische Untermauerung einer regionalen Identität einer gegenüber dem märkischen Sauerland kaum in geographischer, wohl aber in kultureller und vor allem in konfessioneller Hinsicht deutlich anders geprägten Region, die innerhalb Nordrhein-Westfalens eher periphär ist und sogar innerhalb des Regierungsbezirks Arnsberg eher am Rande denn im Mittelpunkt steht. Zwar liegt der für den Regierungsbezirk Arnsberg namengebende Verwaltungssitz im kurkölnischen Sauerland. Arnsberg ist die alte Hauptstadt des Herzogtums Westfalen. Doch ist die Legitimität dieses Verwaltungssitzes nur historisch bedingt und nur durch Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten. Historiker leben von dieser Erinnerungskultur, wörtlich und im pekuniären Sinne. Aber sie stehen ihr oft kritisch gegenüber, weil die Wissenschaftlichkeit ihres Tuns und die Authentizität ihrer wissenschaftlichen Fragenstellungen unter den politischen Ansprüchen der Erinnerungskultur bisweilen leidet. Außerdem ist Geschichte mehr als Erinnerungskultur. Aber was ist sie denn? Die Kirche hat es bei der Antwort auf diese Frage leichter. Papst Benedikt XVI. schrieb im Frühjahr dieses Jahres, das zweite Vatikanische Konzil der Jahre 1962 bis 1965 trage – bei allem Neuen, das es gebracht habe – „die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich“. Und wenn Christen – katholische wie evangelische – im Apostolischen Glaubensbekenntnis ihren Glauben an die „Kirche als Gemeinschaft der Heiligen“ bekennen, so meinen sie die Gemeinschaft aller Christen seit 2000 Jahren, also auch derer, die lange vor ihrer Zeit gelebt haben. Deshalb kommt kein Theologiestudent ohne Kirchengeschichte aus. Betriebswirtschaftlehre, Medizin oder Mathematik kann man studieren, ohne sich um Vergangenes zu kümmern. Jurastudenten nahmen die Rechtsgeschichte zumeist nur als störendes Beiwerk hin. Geschichtsstudenten haben es nur mit Vergangenem zu tun. Sie werden Spezialisten für das, was nicht mehr vorhanden ist. Aber Theologen haben sich – wenn die Theologie nicht im Präsentistischen verkümmern soll – neben der Biblischen, der Systematischen und der Praktischen Theologie auch mit der Historischen Theologie zu befassen. So scheinbar einfach wie in der Kirche ist das sonst nicht. Und auch in der Kirche ist es tatsächlich viel komplizierter. Aber ich will jetzt keine weiteren Fragen mehr stellen, sondern zwei Antworten zu geben versuchen:

Erste Antwort: Geschichte ist kollektives Gedächtnis. Ein Mensch, der kein Gedächtnis hat, ist psychisch krank und mit erheblichen Intelligenzdefekten behaftet. Er leidet unter einer an Idiotie grenzenden Form von erblichem, pränatal erworbenem, perinatal verursachtem oder postnatal entstandenem Schwachsinn. Ein Mensch, der sein früher aktives Gedächtnis verloren hat, ist dement. Er leidet unter einem altersbedingten Verfall seiner geistigen Fähigkeiten. Wir wissen, dass es viele solcher Schicksale gibt. Wenn ganze Gesellschaften, Völker oder Nationen kein Gedächtnis haben, so sind sie wie Alzheimerkranke. Nur ist das dann kein pathologisch bedingter Verlust des Gedächtnisses, sondern bewusster Verzicht auf das Gedächtnis, bewusster Abschied von der Geschichte – und insofern auch pathologisch. Es gibt kein „Volk ohne Geschichte“, auch wenn der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy solches bei einem Besuch im Senegal 2007 mit dem Blick auf afrikanische Völker behauptete – zumindest wurde er mit seinen Worten „L’homme africaine n’est pas entré dans l’histoire“ so verstanden. Selbst aus primitiven Kulturen kennen wir Zeugnisse des Bewusstseins der eigenen Geschichte – in Gestalt von mündlich überlieferten Sagen oder Heldenliedern, die erst später schriftlich aufgezeichnet wurden. Aus unserem Bereich kann man das Nibelungenlied nennen. Nur fragt sich, welche Kulturen tatsächlich die primitiven sind: Jene schriftlosen Völker, die sich ihrer Geschichte in Sagen oder Liedern vergewissern – oder wir, wenn wir unser kollektives Gedächtnis an Computer-Datenbanken delegieren und geschichtsvergessen nur in der Gegenwart leben? Gedächtnis haben, Geschichte haben, um Geschichte wissen, und dieses Wissen pflegen ist mehr und anderes als Nostalgie. Geschichte darf nicht als Erinnerungskultur vermarktet und als Identifikationsmittel missbraucht werden, obwohl Geschichte Identität stiftet. Gedächtnis haben ist zutiefst human. Und dieses Humanum muss auch – und vielleicht gerade auch – in der Region leben. Die Frage nach der Geschichte, nach der Vergangenheit des Ortes, an dem ich lebe – gleichgültig, ob ich dort geboren wurde und aufgewachsen bin oder nicht –, ist human. Es ist Vergewisserung des Einzelnen über die historische Tiefendimension des Ortes, an den das Leben ihn gestellt hat. Das hat nichts mit Heimattümelei zu tun. Dieses Humanum unterdrücken, es nicht fördern zu wollen, wäre zutiefst inhuman – so inhuman wie das Verbot der Religion im Albanien Enver Hodschas. Denn der Mensch hat Geschichte, und er hat Religion in den verschiedensten Formen bis hin zu der Form, die er als Unglauben bezeichnet. Das unterscheidet ihn vom Tier. Mein Hund hat keine Religion, und er hat auch keine Geschichte. Er will nur sein Futter.

Und dann – das ist die zweite Antwort – ist Geschichte ein Spiegel, der uns vorgehalten wird. In diesem Spiegel sehen wir uns als überhebliche Zwerge, die glauben, mit ihrer Aufklärung, mit ihrer Technik, mit ihren Hightech-Produkten – so nützlich sie sind; auch ich sitze jeden Tag am Computer – die Welt beherrschen zu können. Dass wir das nicht können, zeigt sich in Naturkatastrophen, nach denen die Boulevardblätter die Theodizee-Frage stellen: „Wo war Gott beim Tsunami?“ Nein! Die Frage ist falsch gestellt und muss richtig lauten: Wo waren wir mit unseren Fähigkeiten? Dasselbe zeigte sich auch in den Schockwellen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die seit September 2008 um den Globus gingen und von der manche uns jetzt weismachen wollen, dass sei bald alles wieder ausgestanden. Es ist nicht ausgestanden, weil das Verhalten – the human behavior – in vielen Vorstandsetagen ebenso wie in Shopping Malls unverändert ist: Hybris und Wahnwitz bei den einen – eine wirtschaftsnahe deutsche Tageszeitung sprach am 10. September von „Perversion der Marktwirtschaft“ – und Konsumismus bei den anderen. Die „Boni“ fließen ja schon wieder. Schaut man genau hin, so sind die Dinge eben doch nicht so ganz anders, die die Menschen im 15. oder im 17. Jahrhundert beschäftigten und die uns heute beschäftigen, die Hungerkrisen alter Art und die Konjunktur-, Wachstums- und Finanzkrisen von heute. Die Geschichte – gerade auch die Geschichte einer periphären, einer armen Region wie des kurkölnischen Sauerlandes, lehrt uns einige Dinge, die wir vergessen haben: Maßhalten, Nachhaltigkeit, sustainable development. Ich habe Papst Benedikt XVI. zitiert – ich kann auch Bundes kanzlerin Merkel zitieren. Sie sprach, als die jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise Deutschland traf, von den Tugenden der schwäbischen Hausfrau. Dieselben Tugenden fanden sich auch bei den Hausfrauen in den Dörfern, Städten und Freiheiten des kurkölnischen Herzogtums Westfalen. Schauen wir in die Geschichte. Mein Hundschaut nur aufs Fressen. Ich sorge für sein Futter. Aber wir sind keine Hunde. Herzlichen Dank!

* Professor der Neueren Geschichte und der Katholischen Theologie im Fach Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an den Universitäten Köln und Fribourg (Schweiz)


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