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Das Weihnachtslied
„Zu Bethlehem geboren“ im kurkölnischen Sauerland von Werner F. Cordes
Sauerland Heft 3/ 201
Die älteste Nachricht über ein Weihnachtslied in Attendorn verdanken wir Johann Zeppenfeld, einem Pfarrer an St. Johannes Baptist, der es wegen der durch den Dreißigjährigen Krieg eingetretenen Unordnung im kirchlichen Bereich als seine Aufgabe ansah, die Rechtsverhältnisse der Pfarrei zu ordnen und auch das reiche Brauchtum der Vorkriegszeit zu erfassen und zubeleben.
Ergebnis seiner Bemühungen waren die 1658 begonnene Erneuerung des „Pastorath Renthen Buch(s)“ und eine Agende, welche die Aufgaben des kirchlichen Personals im Laufe des Jahres festlegte. Da deutsche Lieder im Gottesdienst zu der Zeit noch wenig gebräuchlich waren, nennt Zeppenfeld sie einzeln im Zusammenhang der Hauptfeste Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Weihnachten. An diesem zuletzt genannten Hochfest wurde das Lied „Ein Kindelein so lebendtrich“ gesungen.
Es handelt sich offensichtlich um das bekannte „Ein Kindelein so löbelich“, welches mittelalterlichen Ursprungs ist und sich jahrhundertelang in verschiedenen Varianten gehalten hat. Heinrich Bone (1813-1893), aus Drolshagen stammender Herausgeber des bedeutenden katholischen Gesangbuchs „Cantate“, rechnet es zu den „alten Liedern“, die er hochschätzt und in sein 1847 zuerst erschienenes Werk aufgenommen hat.
Ein weiteres Manuskript aus dem Attendorner Pfarrarchiv, ein nicht datiertes Lehr- und Übungsbuch für Organisten, das auch „Gallanterie Stücke“ wie Walzer, Menuette und Märsche enthält, wurde von dem aus Oberhundem gebürtigen Franziskanerpater Chrysologus Heimes genannt Schmelzer (1765–1835) verfasst, einem Zeitgenossen von Melchior Ludolf Herold aus Rüthen (1753–1810). Heimes versuchte dessen 1803 in Lippstadt zum ersten Mal gedrucktes Werk „Der heilige Gesang“ seit etwa 1807 als Lehrer und Organist in Attendorn einzuführen. 1822 wurde er Pfarrer in Reiste und wirkte dort im gleichen Sinne weiter.
Die in seinem Lehrbuch enthaltenen Hinweise auf Kirchenlieder lassen auf eine Entstehung der Handschrift vor dem „Herold“ schließen, denn von den 14 genannten Texten ist keiner aus diesem Werk entnommen, 13 dagegen finden sich im „Psälterlein“ der Kölner Jesuiten. Nur „Ein Kindelein so löbelich“, welches Heimes wohl wegen dessen langer Tradition beibehalten hat, macht eine Ausnahme.
Sieben der 13 Gesänge aus dem „Psälterlein“ werden heute mit guten Gründen dem Jesuitenpater Friedrich Spee (1591–1635) zugeschrieben, so das „Zu Bethlehem geboren“, welches sichtbar in Konkurrenz tritt zu dem altgewohnten „Ein Kindelein so löbelich“.
In der historisch-kritischen Ausgabe der Werke Spees lobt Theo van Oorschot ausdrücklich die Qualität des Speeliedes und sagt über dessen Wirkung: „Von Anfang an bis heute immer weiter verbreitet“, was auch für das bis 1821 zum Erzbistum Köln gehörige sogenannte kurkölnische Sauerland gilt.
Der erste nachweisbare Druck des Weihnachtslieds erfolgte 1638 bei Peter Grevenbruch in Köln. Aus dem Jahre 1735 stammt die Facultas Imprimendi eines Gesangbuchs der „Stadt und Pfarr Olpe“ für den dortigen Pfarrer und Herausgeber Heinrich Roberti (1692–1735). Auch ihm diente das Kölner „Psälterlein“ als Quelle für das Lied.
Das im Sauerland weit verbreitete Gesang- und Gebetbuch „Blümlein der Andacht“ des Bödefelder Pfarrers Johann Heinrich Montanus (1680–1743) ist fast immer zusammengebunden mit dem Paderborner „Christ Catholischen Gesangbuch“, in welchem das Speelied enthalten ist, so dass auch von dorther sich im 18. Jahrhundert das Lied im Sauerland verbreitete. Die Überlieferung setzt sich fort im „Sursum Corda“ I (1874) und II (1948) und führt bis ins „Gotteslob“ (1975), das Einheitsgesangbuch aller deutschsprachigen Diözesen. Von einem Weihnachtslied erwartet man heute, dass es in erster Linie das Gemüt anspricht. Repräsentativ dafür mögen stehen „Stille Nacht, heilige Nacht“ (Josef Mohr 1818) und „0 du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“ (Johann Daniel Falk 1786).
Friedrich Spee setzt dagegen schon mit der Überschrift „Hertz opffer“, die von den meisten späteren Gesangbüchern nicht übernommen wird, einen anderen Akzent, den des „Opfers“.
Heinrich Bone, der seine Lieder generell mit Überschriften versah, konnte mit dem Begriff in diesem Zusammenhang wenig anfangen und machte daraus „Hingabe des Herzens“.
Theo van Oorschot stellt zu dem Text fest: „Auch der Anschein des Subjektiv-Gefühlvollen trügt“, und verweist zur näheren Erklärung auf Stellen der „Trutz-Nachtigall“, das poetische Hauptwerk des Jesuitenpaters. Insbesondere sieht van Oorschot Parallelen zwischen dem Weihnachtslied und den sogenannten „Sponsa-Liedern“ der „Trutz-Nachtigall“, und er gibt damit einen Hinweis auf deren Titelkupfer, das nach einer Federzeichnung Spees entstanden ist und eine anschauliche Erklärung des Begriffs „Hertz opffer“ vermittelt.
Das Hauptmotiv der Darstellung ist Christus am Kreuz, vor dem die durch einen Pfeil im Herzen getroffene Anima (Seele, Braut, Sponsa) sitzt. Damit ist nach Gerhard Schaub „die gegenseitige Liebe der gesponß Jesu und ihres göttlichen Bräutigams“ sichtbar gemacht. Spee hat demnach „das antike Motiv des Liebespfeils ... in seine Zeichnung eingeführt“.
Die durch den Pfeil, der von Christus ausgeht, verwundete Seele erleidet „Schmerzen“ und empfindet zugleich „Freuden“, sie wird entzündet für die Liebe zu ihm, dem sie sich aufopfert.
Das zweite Lied der „Trutz-Nachtigall“ hat den Titel „Ein Liebgesang der gespons JESU“, das dritte ist überschrieben „Anders Liebgesang der gespons JESU“, und es benennt in der dritten Strophe „Das Flämmlein so mich queelet“ und kommt in der vierten zu dem Ausruf: „O süssigkeit in schmertzen! / O schmertz in süssigkeit / Ach bleibe noch im hertzen, / Noch bleib in Ewigkeit.“
Schon vom Titel „Hertz opffer“ her ergibt sich für das erzählend beginnende Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ ein Sinnbezug zu dem Gebet- und Betrachtungsbuch „Hertzen-Spiegel“ aus dem Umfeld der Kölner und Paderborner Jesuiten, welches zwischen 1623 und 1626 entstanden ist und 1632 anonym bei Pontanus in Paderborn veröffentlicht wurde.
Im Zeitraum der Entstehung hatte Friedrich Spee einen Lehrauftrag an der dortigen Jesuitenuniversität. Eine weitere akademische Aufgabe führte ihn 1629 bis 1631 wieder dorthin.
Der „Hertzen-Spiegel“ besteht zunächst aus 24 Betrachtungen mit jeweils einem emblematischen Kupferstich und einer zusammenfassenden Liedstrophe. Auf den folgenden Gebetsteil wird im Titel des Buches mit den Worten hingewiesen: „Sampt vielen sehr trostreichen Gebettlein zu Christo Jesu dem Gespons seiner Seelen“.
Die Anregung für die Gestaltung der 24 Strophen entnahm der Autor dem 1582 in Köln erschienenen Liedpsalter von Caspar Ulenberg. Die achte Strophe zum 50. Psalm wurde mit geringen inhaltlichen Änderungen die Einleitung zum Liedzyklus im „Hertzen-Spiegel“. Die Form der Uhlenbergschen Psalmdichtung wurde sehr weitgehend beibehalten. Theo van Oorschot weist darauf hin, dass „Spee mehrmals die von Caspar Ulenberg verfasste Übersetzung: ‚Die Psalmen Davids in allerlei Teutsche gesangreimen bracht‘, Köln 1582 (2. Auflage 1603), benutzt hat.“
Im betrachtenden ersten Teil des „Hertzen-Spiegel(s)“ wird der Begriff „Gespons“ sieben Mal gebraucht, und der Gebetsteil beginnt „Hertzliche Opffer seiner selbsten alle Morgen / wann man auffstehet / Christo Jesu dem Gespons seiner Seelen zu verrichten / etc.“
„Hertzliche Opffer“ erinnert natürlich unmittelbar an „Hertz opffer“ und das „Gespons“-Motiv an die „Trutz-Nachtigall“ von Spee. Das Pfeilsymbol, welches in der „Trutz-Nachtigall“ nur in bildhafter Bedeutung vorkommt, wird im „Hertzen-Spiegel“ ausführlich erklärt, wenn der Autor sagt: „Also wann du deinen Geliebten ergreifen / und besitzen wilst / welcher doch unbegreifflich ist, so soltu die Pfeile der Lieb nach ihm ziehlen und schiessen / und du wirst ihn fangen / also daß er nimmer von dir weichen könne.“
Der inhaltlichen Übereinstimmung zwischen „Hertz opffer“ und „Hertzen-Spiegel“ entsprechen auch sprachliche Korrespondenzen, von denen hier zwei genannt seien.
Die erste und die beiden Schlusszeilen der sechsten Strophe von „Zu Bethlehem geboren“ lauten: „Laß mich von dir nicht scheiden“ und „Die Liebe zwischen beiden / Nimbt hin mein Hertz zu Pfand.“
Im „Hertzen-Spiegel“ endet die letzte Zeile der 15. Strophe mit dem Imperativ „nicht von mir scheid“, und die 10. Strophe beginnt:
„Eya mein Hertz ist dir bekandt / Nims an Jesu zur Liebe Pfand.“
Der gleichartige Gebrauch der zentralen Bilder und die sprachlichen Parallelen machen die Entstehung des Weihnachtsliedes „Zu Bethlehem geboren“ in zeitlicher Nähe zum „Hertzen-Spiegel“ und zu den „Gespons“-Liedern der „Trutz- Nachtigall“ wahrscheinlich.
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