Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Traditionsabbruch und Neubeginn                                               (Download des Artikels: hier)

Wie die Kirche im Dorf bleiben kann von Prof. Dr. Hubertus Halbfas

Kirche im Dorf - 1

Das Titelbild zu diesem Aufsatz malte Vincent van Gogh 1882. Er nannte es „Die Kirche”. Es war eine Kirche der Tradition, deren Bräuche und Erwartungen man einfach übernahm, die van Gogh bereits verließ und die heute ihrem Ende entgegengeht. Der Enkel und Urenkelgeneration sind viele Glaubensinhalte und Praktiken fremd geworden. Religion und Kirche verloren ihre Macht über die Menschen, weil sich die meisten von übergestülpten Formen befreien wollen. Die Kirche der Zukunft lässt sich nicht mehr ererben. Sie kann nur noch aus eigener Entscheidung wachsen.

 

Nicht nur in allen deutschen, sondern auch in den meisten europäischen Diözesen stehen einschneidende Änderungen in den Pfarrgemeinden und Seelsorgsstrukturen bevor. Der inzwischen deutlich sichtbar gewordene Traditionsabbruch, die Entleerung der theologischen Begrifflichkeit und der Verfall der religiösen Sprache, Rückgang der Kirchenmitglieder, Priestermangel, Geldmangel und die Preisgabe intakter Kirchen signalisieren einen Absturz, der nicht länger schön zu reden ist. Nachdem „SAUERLAND“ in Heft 3/ 2006, (Seite 108), eine erste Problemanzeige über das „Ende einer Kirchengestalt“ vorlegte, wird hier gefragt, wie es weiter gehen kann.


Zahlen und Vorgänge
Nie zuvor wurden in Deutschland so wenige Priester geweiht wie derzeit. 2008 sank die Zahl in der Summe aller Diözesen erstmals unter hundert. Das Erzbistum Paderborn zählt im Kurs 2008/10 drei Kandidaten; im Kurs 2009/11 fünf Kandidaten. Noch bis in die sechziger Jahre konnte man mit vierzig oder gar fünfzig Priesterweihen pro Jahr rechnen und damit den Bestand der vorhandenen Pfarreien als gesichert ansehen. Die vom „Weltjugendtag“ erhoffte Umkehr der Entwicklung hat sich nicht erfüllt. Erzbischof Becker erwartet auch keine Entspannung, eher eine Verschärfung der Situation. Die Zeiten, als sich mit dem geistlichen Beruf noch sozialer Aufstieg und gesellschaftliches Ansehen verband, dürften nie wiederkommen.
 
Friedrich Wilhelm Grimme (1827– 1887) zählte es einst zur „höchsten Glorie eines sauerländischen Hauses, wenn aus ihm ein ‚Heer-Sohn’, ein ‚Heer- Ohm’, ein ‚Heer-Vedder’, d. i. ein geistlicher Sohn, Oheim, Vetter“ hervorging. Die Mütter weinten Freuden tränen, wenn sie für den Jungen packen durften, der auszog, um „auf Herr“ zu studieren. Darum können viele Sauerländer Gemeinden an die zweihundert, sogar dreihundert Namen auflisten, die in den zurückliegenden Generationen zum geistlichen Beruf (jeglicher Art) drängten.

Davon kann keine Rede mehr sein. Wer jetzt Priester werden oder in ein Kloster eintreten will, hat alle Mühe, dies den eigenen Altersgenossen verständlich zu machen, und nicht selten sind die Eltern am meisten erschrocken und fragen sich, wie sie den Sohn davon abhalten und die Tochter vor dem Eintritt in ein Kloster bewahren können.

Die Statistik des abfallenden Priesternachwuchses steht natürlich nicht isoliert im Raum, sondern vernetzt sich mit einer gesamtkirchlichen Entwicklung. Zunächst einmal geht – infolge der demographischen Entwicklung – die Zahl der Katholiken konstant zurück. Im Oktober 2004 sagte Erzbischof Hans-Josef Becker, die vergangenen 20 Jahre hätten zu einem Schwund von fast 200.000 Kirchenmitgliedern geführt. Die jährliche Verlustquote lag im Durchschnitt etwa bei 14.000. Für 2004 gab der Bischof noch gut 1.740.000 Katholiken an, zum Jahresende 2009 nennt die Statistik rund 100.000 weniger, genau sind es 1.643.265 Katholiken; demnach hat sich die Verlustrate noch einmal gesteigert.

Angesichts dieser Entwicklung, mit der auch ein dramatischer Rückgang der Kirchensteuereinkünfte verbunden ist, stellt sich die weitere Unterhaltung der vorhandenen Kirchen in Frage, wenngleich eine aktuelle Bestandsaufnahme von Rainer Fisch zu dem Ergebnis kommt, dass „fehlende Gottesdienstteilnehmer der Grund für redundante Kirchengebäude sind, nicht sinkende Steuereinnahmen“. Er resümiert: „Es handelt sich hierbei also nicht um ein wirtschaftliches, sondern um ein theologisches Problem.“ Die Zahl der Gottesdienstbesucher am Sonntag halbierte sich in den genannten 20 Jahren im Erzbistum Paderborn von 540.000 auf 278.000. Deutschlandweit nehmen nur vier Prozent der evangelischen Christen am Sonntagsgottesdienst teil, auf katholischer Seite etwa 13 Prozent. Auch der Rückgang der Taufen und Trauungen belegt, dass sich die Kirchenbindung gelockert hat.
Im gleichen Zeitraum haben die Kirchenaustritte deutlich zugenommen. 1970 lag die Zahl in allen deutschen Bistümern bei rund 70.000 pro Jahr. Die Zahl steigerte sich 2006 auf 84.389; im folgenden Jahr auf 93.667 und 2008 sogar auf 121.155 Austritte. Die Angaben für 2009 liegen (im März 2010) noch nicht vor. Im laufenden Jahr könnte sie eine weitere Zunahme erfahren infolge der sexuellen Missbrauchsskandale, die Katholiken einen letzten Anstoß geben, sich endgültig von der Kirche zu trennen.

Ein Freund aus katholischen Zeiten erzählte mir neulich bei einem Bier, dass er ausgetreten sei aus der Kirche. Er sagte es in einem Nebensatz und mit der gleichen Beiläufigkeit, mit der man von Trennungen entfernter Bekannter berichtet. Kurz überlegte ich, ob ich eine Diskussion über die Kirche beginnen sollte, besann mich jedoch, bestellte ein Bier, und wir redeten über etwas anderes.

Matias Stolz in ZEIT-MAGAZIN, 12/200

Dramatischer als diese Zahlen – weil in Reichweite und Bedeutung tiefer greifend – ist die hinter allem stehende Glaubenskrise, welche weit über die katholische Kirche hinausgreift und fragen lässt, ob die Menschen von der gängigen Begrifflichkeit der Bekenntnisformeln überhaupt noch existentiell berührt werden. Beispielsweise stößt im Apostolischen Glaubensbekenntnis nahezu jeder tragende Begriff (wie der „allmächtige Vater“; der „eingeborene Sohn … geboren von Maria der Jung frau“; „auferstanden von den Toten“; „aufgefahren in den Himmel“; „von dannen kommen wird zu richten …“ ) auf Unverständnis, so dass Satz für Satz theologiegeschichtliche Kommentare nachzuliefern wären, wollte man verständlich machen, was gemeint ist und was nicht. Das Verfallsdatum der traditionellen Glaubensdarstellung ist überschritten, doch entzieht sich dieser Vorgang dem innerkirchlichen Bewusstsein immer noch. Hier „verkündet“ man weiterhin in tradierter Katechismussprache wonach die Menschen nicht fragen, und die Formelhaftigkeit der Sprache lässt schon lange nicht mehr hinhören. Darum bereitet es vor allem der jüngeren Generation auch keine Schwierigkeiten, einen solchen Glauben zu relativieren oder aufzugeben. Soziologen sehen den Kirchen austritt bereits in die Breite der Bevölkerung hineingewachsen. Das mag für eine Weile noch am katholischen Sauerland vorbeigehen, doch selbst wenn sich die auch hier stattfindende Entkirchlichung vorläufig nicht in Austrittszahlen niederschlägt, die innere Aushöhlung des christlichen Glaubens ist weit fortgeschritten.

Eine solch verheerende Situation würde, wenn es sich um Wirtschaftsunter nehmen handelte, alle Alarmglocken schrillen lassen. Sofort, wirklich sofort würde eine Situationsanalyse betrieben und ein Kurswechsel eingeleitet. Die Kirche hingegen blockiert sich selbst in einen verstrickenden Reformstau, den die übliche Glaubensrhetorik überdeckt. Was sich heute bewegt, ist kaum Eigendynamik sondern von außen erzwungene Reaktion: Der nicht mehr zu ignorierende Priestermangel wird mit Strukturreformen beantwortet, das heißt vorrangig mit Verwaltungsakten, die das kirchliche Terrain neu gliedern und den verbleibenden Priesterzahlen anpassen.

Ein paar Beispiele: Von den 752 Pfarrgemeinden des Erzbistums München sollen nur noch 47 und nicht mehr, wie ursprünglich geplant, 200 selbständig bleiben. Alle übrigen Pfarreien werden zu Pfarrverbänden zusammengeschlossen. – Im Erzbistum Köln sollen bis Ende dieses Jahres aus den bisher 600 Pfarreien 182 Seelsorgsbereiche werden. Dabei handelt es sich um 109 bereits bestehende Pfarreiengemeinschaften, in denen die einzelnen Gemeinden großteils selbständig bleiben; in 73 Fällen aber fusionieren mehrerer Pfarreien zu einer Großpfarrei. – Mit einem besonders hohen Anteil religiös distanzierter Bevölkerung verfolgt auch das Bistum Berlin diesen Weg: Statt gut 200 Gemeinden im Jahr 2004, verblieben nur noch die Hälfte. Dabei sind in vielen Berliner Gemeinden ausländische Seelsorger eingesetzt, durchaus problematisch. Außerdem kommen zunehmend mehr Priester aus dem traditionalistisch ausgerichteten Neokatechumenat, das seinen Nachwuchs in einem eigenen Seminar ausbildet. Hier dürfte die Schere zwischen konservativem Nachwuchs und herrschender Mentalität besonders weit auseinander gehen.

Die vermeintlichen Lösungen kleinerer Bistümer fallen nicht viel anders aus. Das Bistum Essen hat seine ursprünglich 259 Pfarreien zu 43 Großgemeinden zusammengelegt, jeweils etwa 24.000 Mit glieder pro Großgemeinde. Nun meint das Bistum, fast ein Drittel seiner Kirchenbauten nicht mehr zu benötigen. Die sichtbare Hälfte der eigenen Geschichte wird also abgestoßen. Überwiegend handelt es sich um Kirchen von hervorragendem Erhaltungszustand, die auch für Liturgie und Gottesdienst heute in höherem Maße geeignet sind als die meisten älteren Kirchen. In Gelsenkirchen-Buer entstand die größte Pfarrei Deutschlands – wie die Zeitschrift „Christ in der Gegen wart“ meldet. Mit über 40.000 Katholiken zählt sie mehr Mitglieder als das Bistum Görlitz hat. In Erfurt hinwieder rechnet man damit, dass von den heute 112 aktiven Geistlichen in zehn Jahren nur noch 32 übrig bleiben, die dann jünger als sechzig Jahre sind. Bis 2020 soll es hier statt derzeit 72 nur noch 32 Pfarreien geben. Im Bistum Limburg schließlich hat der junge Bischof gegen heftigen Wider stand der Basis sogar den endgültige Abschied von der Pfarrgemeinde eingeleitet. „Die volkskirchlichen Strukturen sind definitiv an ihr Ende gekommen, da gibt es kein Zurück mehr“, heißt es.


Mehr als Strukturen?
Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2007 eine zusammenfassende Übersicht über Pastoralplanungen der deutschen Bistümer unter dem Titel „Mehr als Strukturen“ vorgelegt. Die Schrift zeigt, dass der Prozess der pastoralen Neuordnungen in den Diözesen nicht zeitgleich verläuft und die neuen Seelsorgeinheiten unterschiedlich benannt werden. Es gibt bereits Diözesen, in denen die bisherigen Pfarreien juristisch aufgelöst werden, auch wenn sie unter dem Titel „Gemeinde“ weiterhin mit ihrem Patronatsnamen benannt bleiben. Wie zu vernehmen ist, wird auch im Erzbistum Paderborn darüber nachgedacht, welche Pfarreien juristisch aufgegeben werden, welche im Status einer „Pfarrvikarie“ in einem neuen Verbund geführt werden oder ob gar die neuen Großgebilde zukünftig eine juristische Einheit darstellen sollen unter Aufgabe der Rechtsgestalt der bisherigen Pfarreien. Inwieweit reflektiert wird, ob der bisherige Rechtsstatus nach einer „juristischen Sekunde“ voll in die neue Konstruktion überführt werden kann, entzieht sich von außen der Einsicht.

Die diözesanen Umstrukturierungsmaß nahmen laufen in ihrer Summe darauf hinaus, dass die Pfarreien nach Maßgabe der verbleibenden Priester zusammengelegt werden: zu Pfarrverbünden, Pfarrverbänden, Pfarrgemein schaften, Seelsorgeeinheiten, Kirchengemeindeverbänden oder einem pastoralem Raum. Einerlei wie die Benennungen lauten, in der Sache geht es weitgehend um Ähnliches. Mit jeder neuen Vergrößerung des Gefüges aber verbindet sich Schönrederei: die Kirche werde nun der Zeit besser gerecht, heißt es; ihre missionarische Sendung werde deutlicher; den heutigen Kommunikationsformen entspreche die größere Raumeinheit mit ihren Möglichkeiten bei weitem mehr usw.
Auch das Erzbistum Paderborn hat seine bisherige Struktur der Pastoralverbünde fortgeschrieben und das Resultat mit Beginn des Jahres 2010 vorgestellt: Die bisherigen 213 Pastoralverbünde wurden in einem „zweiten Zirkumskriptionsgesetz“ auf ca. einhundert reduziert, „um Planungs- und Struktursicherheit für den Zeitraum bis 2030 gewährleisten zu können“ und „die Zukunftsfähigkeit des Erzbistums in der heutigen Gesellschaft zu stärken“.

Im Bereich des Sauerländer Heimatbundes stellen sich die Veränderungen folgendermaßen dar: Die bislang 131 Pfarreien der drei Dekanate des Hochsauerlandkreises sind bisher zu 30 Pastoralverbünden zusammengeschlossen. In den kommenden Jahren werden diese auf nur zehn Pastoralverbünde und zwei Großpfarreien reduziert.

Die Krisen räumen auf; zunächst mit einer Menge von Lebensformen, aus welchen das Leben längst entwichen war und welche sonst mit ihrem historischen Recht nicht aus der Welt wären wegzubringen gewesen.

Jakob Burckhardt, Kulturhistoriker (1818–1897)

Das neue Dekanat Olpe deckt sich unter dem Namen „Dekanat Südsauerland“ mit dem Gebiet des Kreises Olpe. Es umfasst statt bisher 14 Pastoralverbünde zukünftig nur noch sieben, deckungsgleich mit den sieben Kommunen des Kreises, wobei gegen Ende des Planungszeitraums Drolshagen zu Olpe geschlagen werden soll, sodass nur sechs Pastoralverbünde bleiben. Doch angesichts der Großräume im HSK oder im Ruhrgebiet sagt der Olper Dechant Friedhelm Rüsche: „Wir sind im Kreis Olpe in der glücklichen Lage, noch recht niedliche pastorale Räume zu kriegen, verglichen mit anderen Teilen in unserem Bistum.“

Die neue Einteilung gilt nur für die nächsten zwanzig Jahre, um wenigstens für diesen Zeitraum, wie man sagt, die Arbeitsbedingungen zu sichern. Über die Entwicklung der darauf folgenden ein bis zwei Jahrzehnte würden die statistisch vorliegenden Daten auch heute schon Prognosen gestatten. Sollte es in diesem Zeitraum bei der Immobilität Roms und der Bindung der Bischöfe an die bestehende Ordnung bleiben, ist mit einer weiteren Vergrößerung der Räume bei einem Restbestand überforderter Kleriker zu rechnen. Dann bleibt allerdings zu fragen, wer denn Auftrag und Kirche verrät?


Kritiker und Schönredner
Die geschilderten Neuregelungen wurden von rechtfertigenden Kommentaren begleitet, die kein angemessenes Problembewusstsein aufkommen lassen. Die meisten Kirchenleute bezeichneten in der Sauerländer Lokalpresse die neuen Raumplanungen als „unumgänglich“. Sie blieben mit ihren Vorstellungen, wie es weitergehen soll, absolut vage. Der Briloner Propst Dr. Richter machte „die Abnahme der Geburten und die Zahl der Gläubigen“ dafür verantwortlich, sah aber die anstehenden Veränderungen „auch als Chance“: Man solle auf frühere Zeiten zurückschauen und das Volksbrauchtum wieder intensivieren. Josef Mertens, Geschäftsführer des Gemeindeverbands Katholischer Kirchengemeinden Hochsauerland-Waldeck, sieht in der Schaffung der neuen Strukturen „ein großes Potential“: Die Dynamik, die durch das Aufeinanderzugehen der Gemeinden entstehe, könne am Ende durchaus positiv sein. Nur der Wendener Pastor Ludger Vornholz thematisierte die veränderte Situation des sogenannten Laien, dessen Wertschätzung und Förderung letzten Endes über die Zukunft lebendiger Gemeinden vor Ort entscheide.

Im Blick auf die anstehenden Veränderungen hat jedoch Erzbischof Hans- Josef Becker am 21. November 2009 in Paderborn die Ausgangssituation ohne jede Schönfärberei beschrieben:
„Der ‚Status quo’ unserer Pastoral führt uns nicht weiter und beantwortet die zentralen pastoralen Fragen und Herausforderungen nicht.

Der moderne Mensch, der für sich zu Recht die Freiheit von obrigkeitlichem Reglement und die Anerkennung seiner Mündigkeit in Anspruch nimmt, wird sich für ein Engagement in der Kirche, gleichgültig welcher Art, nur gewinnen lassen, wenn er in ihr auch seine Freiheit und Würde respektiert erfährt.

Paul Hoffmann, Neutestamentler

Vom ‚Status quo’ her lässt sich nicht benennen, was zu tun oder zu lassen ist. Deutlicher formuliert: Es geht in den nächsten Jahren nicht darum, vom Bestehenden möglichst viel zu retten und zu bewahren. Schon die Themen und Anliegen machen das deutlich. Alle von mir genannten Punkte deuten auf Kräfteverschiebungen in unserer Pastoral hin, die notwendig sind. Ich werbe in diesem Sinne für eine grundlegende Neu- Fokussierung unserer Blickrichtung.

Die Einsichten der vergangenen Jahre zeigen mir: So gut wie alle Rahmenbedingungen des kirchlichen Lebens stehen heute zur Disposition. Die uns vertraute Sozialgestalt der Kirche schmilzt unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklungen in einem atemberaubenden Tempo zusammen. Und damit vieles, woran die Herzen vieler Menschen hängen.

      Das wirkt sich insbesondere bei der Glaubenssituation und der Weitergabe des Glaubens an die junge Generation aus, die als prekär bezeichnet werden muss. Hier herrscht auf allen Ebenen – auch bei den Priestern, Gemeindereferent/ innen und Religionslehrern – große Betroffenheit und Ratlosigkeit.

      In dieser Situation verwundert es nicht, dass viele Haupt- wie Ehrenamtliche an einem häufig empfundenen Missverhältnis von Aufwand und Ertrag ihrer pastoralen Bemühungen leiden. Da wächst manche Traurigkeit bis hin zur Resignation. Viele nehmen sich als erschöpft wahr. Und es entstehen auch Fragen nach dem Sinn all dessen, was wir tun.
     Wir sollten ohne Beschönigung anerkennen: Unsere bisherigen Mittel und Wege, insbesondere im Bereich der Pfarrgemeinden, reichen ganz offensichtlich nicht aus, um den Glauben an den Gott Jesu Christi bezeugen und an andere Menschen – junge wie ältere – vermitteln zu können. Mittlerweile lebt ja die dritte (!) Generation von getauften Katholiken, von denen wir sagen müssen, dass sie in der großen Mehrheit „nicht praktizierende Christen“ sind.

      Bis weit hinein in unsere Kerngemeinden, aber auch bei kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ja auch beim pastoralen Personal, ist Verunsicherung spürbar im Blick auf den Glauben an Gott selbst. Wie weit und wie lange wird er tragen, so fragen sich manche. Und: Geht Gott überhaupt noch mit uns?

      Im Nachdenken über all diese Entwicklungen ist bei mir in den vergangenen Jahren immer mehr die Gewissheit gewachsen: Trotz aller Angst vor den Unsicherheiten und Auseinandersetzungen, die große Veränderungen im gewohnten kirchlichen Leben mit sich bringen, dürfen wir jetzt nicht einfach so weitermachen wie bisher. Wir würden unserer Verantwortung vor Gott und voreinander nicht gerecht. Letztlich würden wir uns selbst auf die Dauer bedeutungslos machen.“

Auch das kirchliche Leitungsamt bleibt auf die pneumatischen Begabungen aller angewiesen; insofern ist es der Gemeindebasis eingebunden und darf sich nicht über die Gemeinde stellen.

Paul Hoffmann, Neutestamentler

Das sind erfreulich realistische Worte, die freilich noch nicht im Rahmen eigener Handlungsmöglichkeiten erkennen lassen, wie dieser Situation zu begegnen ist. Immerhin war die Empfehlung des Erzbischofs neu, es tue mit Sicherheit gut, „einen regelmäßigen Gesprächspartner im außerkirchlichen Umfeld zu haben. Dadurch kann sich mancher Blickwinkel weiten und unser geistliches Tun wertvolle Anregungen erhalten.“ Man sollte allerdings eher unbequeme als genehme Gesprächspartner suchen, sonst bleibt man gleich im eigenen System.

Insgesamt mangelt es – soweit sich die deutschen Bistümer überschauen lassen – am entschiedenen Willen, der Phantasie und Gestaltungsvermögen einschließt, aus dem eklatanten Mangel gewissermaßen durch einen „Systembruch“ herauszukommen.

Kirche im Dorf - 2

Um das zu leisten, dürfen die Folgen der pastoralen Megaräume nicht schön geredet werden. Hinter den Neuordnungen ist zunächst nichts anderes als der pure Mangel zu erkennen. Schwerlich verbindet sich mit den sukzessiven Erweiterungen eine „große Chance“ oder ein „großes Potential“ als eine weitere Erosion des religiösen Lebens, vor allem dann, wenn man weiterhin betont, die zur Mitarbeit in den Gemeinden bereiten Laien, könnten die „geistig- spirituellen Lücken nicht schließen, die durch fehlende Priester entstehen“. Laientheologen bei theologisch gleichwertiger Ausbildung die Leitung einer Gemeinde zu übertragen, stünde „im Widerspruch zur der im Konzil gelehrten sakramentalen Grundstruktur der Kirche und ihres Amtes“, so etwa der Jesuit Medard Kehl in „Stimmen der Zeit“ (5/2007), dessen Meinung zugleich die der Amtskirche darstellt. Gewiss kann man so argumentieren und das gesamte Kirchenverständnis auf die Eucharistie hin fokussieren. Man kann diese Sicht aber auch als eine Engführung von Kirche ansehen, die Traditionalisten entgegen kommt und de facto eine verschärfte Klerikalisierung rechtfertigt, wie sie letztlich der Neueinteilung der pastoralen Räume auch zugrunde liegt. Insgesamt geht der Ansatz beim Pfarrer als Ausgangspunkt jeder Gemeinderealität ins Leere. Der Olper Dechant Friedhelm Rüsche antwortete auf die Frage, ob Pfarrer bei der erheblichen Vergrößerung der Pastoralbezirke nicht zu „Kirchen-Managern“ verkommen: „Ich bin 1995 nach Neuenkleusheim gekommen als Pastor von drei kleinen Dörfern und war im wesentlichen Pastor. Ich kannte alle Leute, ich bin in fast allen Häusern gewesen, ich habe an fast allen familiären Festen teilgenommen. Das geht schon seit zehn Jahren nicht mehr. Die Priester müssen sich in ihren Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten ändern. Mitarbeiterführung wird zu einer größeren Herausforderung im Gegensatz zu früheren Jahren, wo man noch alles selbst machen konnte.“ Dabei schließt er nicht aus, dass die Entwicklung eine rastlose Priestergestalt fördern könne, die mit Handy und Laptop durch die Gegend fährt.

Zukünftig werden die Gemeindemitglieder Mühe haben, ihre Pfarrer überhaupt noch kennenzulernen. Und kaum ein Pastor wird leisten können, was man von ihm erwartet. Während das Kirchenrecht ihn mit rechtlicher Allzuständigkeit ausstattet, die Laien hingegen nur als rechtlose Helfer kennt, blockiert dieses juristische Ungleichgewicht die stets wichtiger werdenden Laieninitiativen. Man sollte aber auch sehen, dass der junge Klerus von einem anderen geistigen Zuschnitt ist, als die abgehenden Jahrgänge: das Begabungsprofil hat sich verändert; es besteht eine erstaunliche Neigung zu Konservativismus, die den Erwartungen der Gemeinden wenig entspricht und das Gemeindemilieu verengt. Dass heißt, die Schere zwischen dem nachwachsenden Klerus und der Gesellschaft geht weiter auseinander. Eine missionarische Kirche sieht anders aus.

Kirche im Dorf - 3

Will man dennoch bei der Ansicht bleiben, Kirche sei nur als Klerikerkirche denkbar, was sich theologisch damit rechtfertigt, sie existiere nur, wo Eucharistie gefeiert werde, so dass man allen Gläubigen den (illusorischen) sonntäglichen Aufbruch in wechselnde Messkirchen verordnen möchte, dann lässt sich voraussagen, dass damit der Weg zu wachsender Kirchenferne beschleunigt wird. „Kirchen-Zapping“ nennt dies der Kölner Pfarrer Johannes Krautkrämer. In Wiesbaden argumentierte ein Pastoralausschuss, „dass die spirituellen und sozialen Bezüge in der Heimatpfarrei verortet sind“. Dieser Bezug könne nicht durch größere Räume transportiert werden; er berge die Gefahr zunehmender Anonymität. Und der „Bezirks - synodalrat Limburg“ schloss sich mit der Kritik an, „eine Konzentration der Amtskirche allein auf die geweihten Amtsträger (sei) nicht zukunftsträchtig“.
Schon 2002 hatte der Münsteraner Theologieprofessor Jürgen Werbick pointiert: „Wo die Kirche vor Ort nicht mehr angetroffen wird, da verliert sie ihre Sichtbarkeit und Greifbarkeit, da wird sie zur bloßen Behauptung.“ Man kann Wenn die Leute die Kirche am Ort nicht mehr vorfinden, bleiben sie weg.


Umdenken und neu anfangen
Nachfolgend soll – um von der Analyse und Kritik zu einer möglichen Lösung zu kommen – die Erfahrung im französischen Bistums Poitiers vorgestellt werden. Hier wird auf das Potential der Laien gesetzt, auf ihre Ideen und Möglichkeiten, miteinander Kirche entwickeln zu können. Nicht der Priester mangel liefert die Begründung für den neuen Weg, sondern der Wille, Gemeinden auf der Grundlage der Initiationssakramente, Taufe und Firmung, zu entwickeln. Das ist die für alles Folgende nie zu übersehende Grundentscheidung.

Der Erzbischof von Poitiers, Albert Rouet, beschreibt die Ausgangsposition so: „Hier wie überall haben Menschen ihre Kräfte verbraucht, um Priestern zu helfen und zu Diensten zu sein. Ihre ausdauernde und treue Beharrlichkeit hat niemandem Mut gemacht, ihre Aufgabe zu übernehmen. Einen solchen Dienst mag man bewundern, aber er bringt keine Freiheit in der Kirche hervor.“

Die Grundgefahr religiöser Systeme ist, dass sie sich selber nicht endlich denken können. Sie sind immer in der Gefahr, sich Gottesprädikate zuzulegen… Der Zwang zur Einstimmigkeit lässt sie nur schwer Fremdheiten denken und dulden. … Sich für einzigartig zu halten, heißt immer, bereit sein zum Eliminieren. Die Anerkennung von Pluralität ist die Grundbedingung menschlicher Existenz

Fulbert Steffensky, Theologe

Man bezieht sich in Poitiers auf ein Apostolisches Schreiben von Johannes Paul VI., das beim regulären Kirchenmitglied ansetzt: „Es ist notwendig, dass die Kirche des dritten Jahrtausends alle Getauften und Gefirmten dazu anspornt, sich ihrer aktiven Verantwortung im kirchlichen Leben bewusst zu werden. Neben dem Weiheamt können zum Wohl der ganzen Gemeinschaft andere Dienstämter blühen, die durch Einsetzung oder einfach durch Anerkennung übertragen werden. Diese Dienstämter unterstützen die ganze Gemeinde in ihren vielfältigen Bedürfnissen – von der Katechese bis zur Gestaltung des Gottesdienstes, von der Erziehung von Kindern und Jugendlichen bis hin zu den verschiedensten Formen der Nächstenliebe.“ Aus diesem Ansatz der grundlegenden Gleichheit aller an Christus Glaubenden, ob Kleriker oder Laie, will die Diözese Poitiers „jenem unfruchtbaren Gegenüber von Priestern und Laien“ entkommen, das sich in Begriffen von „erlaubt“ und „verboten“ erschöpft. Das Wort „Laie“ liebt man nicht; man spricht vom „Volk Gottes“, in dem alle Christen gleiche Rechte und Pflichten haben. Eine Differenzierung in Ämtern kommt erst danach. Es gilt eine Denkweise der Komplexität: als Komplexität der Dienstämter, unter denen die Gestalt des Priesters weder die alleinige noch die beherrschende ist.

Für Erzbischof Rouet ist der Zuschnitt der ausschließlich vom Pfarrer abhängigen Pfarrgemeinde überholt. „Bei der Pfarrei ging es seit Jahrhunderten um Macht: Die Priester bestimmten alles. Jetzt sind sie noch mehr überlastet. Ständig müssen sie Messen feiern. Eine grundlegende Erneuerung ist so nicht möglich.“ An die Stelle eines Priesters, der für reibungslose Abläufe sorgt, wie dies Behörden von kompetenten Beamten erwarten, treten christliche Frauen und Männer, die eine Gemeinde begleiten können, die etwas von ihr fordern, sie hellhörig machen für die Ansprüche des Evangeliums und die jedem ermöglichen, eigene Verantwortung wahrzunehmen. Der Priester ist nicht vorrangig Spezialist für Kultus und Sakramente, sondern Seelsorger und Theologe. Er kümmert sich um die Fortbildung der örtlichen Basisgemeinden, er unterstützt spirituell und auch organisatorisch die Vernetzung der Ortsgemeinden mit dem Bistum. Priester sollen „im Zeichen der Wanderschaft“ leben, wie schon die Apostel von Gemeinde zu Gemeinde zogen, um zu stärken und bisweilen auch, die ein oder andere Haltung zurechtzurücken.

Erzbischof Rouet fragt: „Warum sollte es bei einer kirchlichen Funktionsweise bleiben, die unmöglich aufrechtzuerhalten ist? Trotz aller Mahnungen und Not fallmaßnahmen gelangt das Modell Pfarrei an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Wenn man befürchtet, dass die Laien nicht zum pastoralen Handeln fähig sind, warum firmt man sie dann? Sollten sie Unmündige in der Kirche bleiben?“

Kirche im Dorf - 4

Das Modell Pfarrgemeinde wird also aufgegeben, d.h. die Gemeinde definiert sich nicht mehr vom Pfarrer her. Der Bischof beruft sich deshalb auch nicht auf den meist beanspruchten Kanon 517 § 2 des kirchlichen Gesetzbuches, nach dem Laien an der Verantwortung für die Pastoral beteiligt werden können. „Diese Erlaubnis führt in eine Sackgasse. Um die Strukturen von gestern beizubehalten, ist man zu allen Tricks bereit.“ Dabei ist es keine Frage, dass in Frankreich die Klerikerkirche vor dem Aus steht: Im Bistum Belfort wird es im Jahr 2017 noch sieben Priester unter 65 Jahren geben, im Bistum Verdun werden es noch neun sein, in Le Havre fünfzehn.
Um eine örtliche Gemeinde zu bilden, sind im Poitou fünf Verantwortliche Bedingung. Die Gemeinde wird also von Personen, nicht von Kirchtürmen bestimmt. Der Bischof besteht darauf, dass die leitende Equipe für nur drei Jahre gewählt wird, wobei niemand länger als sechs Jahre im Amt bleiben soll, damit die Gemeinde lebendig bleibt und sich aus neuen Menschen, vielleicht bisher Abständigen und Kirchenfremden, immerzu erneuert. „Wenn man einen Posten zu sehr personalisiert, verwehrt man Leuten mit anderem Profil den Zugang.“

Zur Aufgabe der Equipe gehört die Verantwortung für den Gottesdienst, für Alte, Kranke und Hilfsbedürftige; auch ist ihr die Katechese für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aufgetragen; ebenso die Gestaltung von Begräbnisfeiern … Keineswegs sollen jedoch die hierfür Verantwortlichen das alles selbst tun; sie können andere Menschen, die dazu geeignet sind, dafür suchen. Flexibilität ist geboten, damit jene, die Familie und Beruf haben, sich nicht erschöpfen. Da selbst kleine Dörfer, wenn sie wollen, sich für eine örtliche Gemeinde entscheiden können, wird kein vorhandener Kirchbau verlangt. Für den Anfang mag schon ein einziger Versammlungsraum genügen. Die Festlegung des Gebiets einer Gemeinde erfolgt nicht auf dem Verwaltungsweg, sondern soll sich aus der Geschichte der betroffenen Bevölkerung ergeben. So umfasst die kleinste örtliche Gemeinde im Bistum ein Dorf von 163 Einwohnern „und erweist sich als sehr lebendig. Zur größten gehören acht Kommunen mit nahezu 4.000 Einwohnern – dort haben die Leute darauf bestanden, zusammen zu bleiben.“ Freilich, wenn es in einem Dorf an Miteinander fehlt, „wird es schier unmöglich, eine Gemeinde zu errichten“.

Schon zum vierten Mal fasst Rom Beschlüsse ohne mich. Mit einer solchen Institution kann ich unmöglich in Frieden leben. Ich lege meine Demission vor … In Sachen des Glaubens gehorche ich Rom, aber in Sachen Pastoral bin ich Bischof, ich setzte mich aufs Pferd und leite die Schlacht. Wenn der König eine Schlacht von seinem Palast aus leiten wollte, wäre sie zum voraus verloren …

P. Walbert Bühlmann, OFMCap

Die örtlichen Gemeinden im Bistum Poitiers unterscheiden sich von den bisherigen Pfarrgemeinden primär dadurch, dass Laien nicht mehr Helfer des Pfarrers sind, sondern eigene Verantwortung übernehmen. „Selbst wenn wir viele Priester hätten, wäre es normal, diese Gemeinden zu konstituieren, und zwar aufgrund der Sakramente der Initiation.“ Der Priester ist nicht die zentrale Bezugsperson; er kümmert sich nicht mehr um alle Details, weiß nicht mehr alles, dirigiert nicht. Er gewinnt Ruhe. „Ist er überlastet, dann meist deshalb, weil er noch zu sehr am Ideal eines prall gefüllten Terminkalenders hängt. Nun findet er Zeit, um zu beten, zu lesen, sich weiter zu bilden, die Bewegungen und Verbände zu begleiten und Nichtchristen kennenzulernen. Wenn man den Laien Aufgaben überträgt, muss man eine andere Struktur finden.“

Um es noch mal zu sagen und für die eigene Planung grundlegend zu bedenken: Die neuen Gemeinden werden nicht gebildet, um fehlende Priester zu ersetzen, sondern um alle in die Verantwortung einzubinden. Die ermutigenden Erfahrungen, die in Poitiers gewonnen wurden, lassen sich hier nicht im Detail darstellen. Einen Bericht darüber legten Reinhard Feiter und Hadwig Müller 2009 unter dem Titel „Was wird jetzt aus uns, Herr Bischof?“ im Schwabenverlag vor.

Kirche im Dorf - 5

Fragt man nach dem Echo dieser Innovationen äußert sich viel Zustimmung: „Das diözesane Projekt der örtlichen Gemeinden hat eine ungeahnte Vitalität unter den Christen mobilisiert; offensichtlich entsprach es ihren noch unklaren Erwartungen.“ Oder: „Man muss nicht mehr auf bessere Zeiten warten, sondern man kann das christliche Leben an einem bestimmten Ort selbst in die Hand nehmen. Nun geht es nicht mehr darum, dem Priester zu helfen, auf dessen Schultern bisher alles ruhte, sondern es geht darum, im Glauben selbst erwachsen zu werden. Der Priester steht nicht mehr im Zentrum dessen was möglich ist, sondern der Gemeinde gegenüber als derjenige, der bestärkt (zuweilen auch tröstet) und unterstützt, der Grundlagen schafft und bei der Unterscheidung der Geister hilft, der ruft oder auch begleitet.“ In jeder örtlichen Gemeinde wird jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert. Die Dorfkirche bleibt nicht geschlossen mit dem Hinweis, die nächste Heilige Messe finde zehn Kilometer entfernt statt. Die Kirchengemeinde bleibt vor Ort.

Wenn der Priester für diese örtliche Gemeinden nur noch bedingt verfügbar ist, kommt es natürlich zu Entscheidungen, die den stets als unverzichtbar gesetzten deutschen Ausgangsbedingungen entgegenstehen: „Wir haben in der Basisequipe [dem örtlichen Gemeindeteam] lange diskutiert und kamen zu dem Ergebnis, dass wir mit unseren sonntäglichen Versammlungen zum Gebet ein sichtbares Zeichen für unsere Gemeinden darstellten. Manche wären sicher lieber zur Eucharistiefeier in den Nachbarort gefahren. Wir hatten uns aber tatsächlich dazu entschlossen, am Ort zu bleiben, in unserer Gemeinde, in unserer Kirche, ob zu einer Eucharistiefeier oder zu einem Wortgottesdienst.“

Bei solchen Entscheidungen bleibt es nicht aus, dass die alte Furcht vor Demokratie in der Kirche wieder aufkommt. „Sagen wir es in aller Klarheit, hier geht es um Macht“, sagt Bischof Rouet. Diese Position will er dem Pfarrer nicht weiterhin zuschreiben.

In zwölf Jahren pastoraler Arbeit sind im Erzbistum Poitiers mehr als dreihundert örtliche Gemeinden neu entstanden. Das Empfinden von Schwäche und Schwund, das bis dahin geherrscht hat, nimmt ab. Spürbar lebt die Hoffnung auf. Die Menschen wandeln sich durch die Ausübung ihrer Aufgaben. Was nicht heißen soll, es gäbe keine Probleme mehr! Verantwortliche werden beruflich versetzt, manche werfen bei den ersten Schwierigkeiten das Handtuch, andere können nicht mit Konflikten umgehen. All das gibt es. Aber das Bild, dass sich letzten Endes aufdrängt, zeigt, dass das Volk Gottes eine große und schöne Wirklichkeit ist.“

Der hier gegangene Weg unterscheidet sich radikal von allen sonst im deutschen Sprachraum (und vermutlich weit darüber hinaus) erörterten Lösungen. Es wird nicht nach viri probati verlangt, nach keinem Diakon oder Pastoraltheologen, der den Pfarrer ersetzen soll. Gewiss, in wieweit der hier vorgestellte Weg an französische Mentalitäten und Bedingungen geknüpft ist, die für unser Land nicht zutreffen, lässt sich nicht entscheiden, bevor ähnliche Bewusstwerdungsprozesse und innere Bereitschaften mobilisiert worden sind, wie sie im Poitou stattfanden. Ohne Zweifel ist dieser Weg auch nicht ohne die bemerkenswerte Person des Bischofs denkbar. Doch geht es nicht darum, das Beispiel von Poitiers zu kopieren. Vorerst kommt es darauf an, das bisherige Denkgleis zu verlassen und für neue Vorstellungen und kühne Lösungen offen zu werden. Wollte man jedoch in den kommenden zwei Jahrzehnten das Gemeindeleben in unseren Dörfern und Kleinstädten auf dem beschrittenen Weg weiterhin von Priestern abhängig halten, die mehr Manager als Seelsorger sind, würden die heute noch gegebenen Möglichkeiten verspielt. Alle, die derzeit im Spiel sind, müssen wissen, dass sie mit Unentschlossenheit ihren Nachfolgern allenfalls gestatten, hinter einem abgefahrenen Zug herzuschauen. Selbst wenn es beim überholten Konzept „Priester und Helfer“ bleiben sollte, wird ohne fundamentale Zurüstung des Kirchenvolks die Zukunft nicht bestanden.

Lebendige Traditionen, wie sie im Sauerland heute noch gegeben sind, wird man in zehn oder zwanzig Jahren so nicht mehr vorfinden. Wer also fängt an, in der eigenen Gemeinde die Zukunft von Kirche und Christentum zu diskutieren? Welche Vereine, Gruppen, Stammtische überlegen, wie die Kirche im Dorf bleiben kann? Wo begnügt man sich nicht länger mit Tradition, sondern befragt diese auf ihre Zukunftsfähigkeit hin? Wer gibt die zu stellenden Fragen an den Bischof weiter? Mit welcher Beharrlichkeit? Wer äußert Wünsche und Erwartungen? Wer macht Vorschläge? Wer schlägt aus dem Beispiel Poitiers Funken und legt Feuer? Wer nährt den Brand? Wer ruft die kirchliche Feuer wehr? Wird sie löschen oder sich bekehren und Brandbeschleuniger einsetzen? Alles ist möglich. Aber kreative Entschiedenheit ist nötig!


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