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Zur Geschichte Marsbergs von Hermann Runte Befasst man sich mit der Geschichte Marsbergs, so kommt man nicht umhin, in besonderer Weise auf die ehemalige Stadt Obermarsberg einzugehen. Denn sie hat im Rahmen der übergeordneten Machtverhältnisse und Zeitströmungen über Jahrhunderte hinweg die Geschicke für den Marsberger Bereich beeinflusst und mitbestimmt. Obermarsberg liegt auf einem nach drei Seiten steil abfallenden Bergplateau von etwa 400 Meter über dem Meeresspiegel. Nur über den südlichen Sattel von Giershagen, Flechtdorf, Korbach her hat sie einen natürlichen Zugang. Bei einer Länge von etwa 1 km und einer Breite von etwa einem ½ km bot dieses Gelände auf dem Berg in der früheren Zeit genug Raum für Häuserbau, Garten- und Felderanbau, Schutz vor anrückenden Feinden sowie aufgrund günstiger geologischer Voraussetzungen das lebenswichtige Wasser.
Erste Hinweise auf menschliches Leben fanden sich in Form von Feuersteinklingen in der Nähe des Ortes in der sogenannten Weißen Kuhle etwa aus der Zeit 14 000 v. Chr.) Keramikfragmente der jungsteinzeitlichen Michelsberger Kultur, gefunden im Bereich der Stiftskirche, lassen eine Höhensiedlung im 4./3. Jahrtausend vor Chr. vermuten. Allerdings könnten Ausgrabungen diese Theorie durch Hinweise auf Gebäude noch erhärten. Eine Untersuchung in einer Baugrube eines Grundstückes ebenfalls in der Nähe der Stiftskirche, die von A. Doms (WMfA, Außenstelle Bielefeld) geleitet wurde, ergab im Süden Anhaltspunkte für einen Felsausbruch, der möglicherweise als Befestigungsgraben festgestellt werden könnte. Hinter diesem Felsausbruch befanden sich 3 in etwa parallele Pfostenreihen von jeweils 3 bzw. 4 Pfosten. Die Mächtigkeit der Pfosten lässt die Existenz eines Grabens und einer Befestigung als Holz-Erde-Wall möglich erscheinen.) Nach einem C 14-Datum (Holzkohle) wird diese Anlage nun der vorrömischen Eisenzeit zugerechnet) In den „Fränkischen Annalen“ wurde der Ort „Eresburg“ genannt, abgeleitet möglicherweise von Erzberg oder auch von einem altgermanischen Kriegsgott Er, Eru, Eri.
Die Eresburg war im Besitz des Stammes der heidnischen Sachsen. Sie wurde jedoch im Jahre 772 n. Chr. von Karl d. Großen und seinen Franken erobert, wieder verloren und zurückerobert. Er zerstörte der Geschichte nach das Heiligtum der Sachsen, die Irminsul, baute an deren Stelle eine Kirche und richtete einen Benediktiner-Konvent ein. Ein Nachweis für den Standort Irminsul konnte bislang nicht erbracht werden. 785 weilte Karl d. Große vom Jahresanfang bis Juni auf der Eresburg und feierte dort mit seiner Familie das Osterfest. Das Heer lagerte in festen Unterkünften in der Umgebung. Daraus lässt sich schließen, dass der Ort militärisch gut gesichert und auch für einen Aufenthalt Karls entsprechend ausgestattet war.)
Die Übertragung des Eresberges und damit auch des Benediktinerstiftes mit seinen Besitzungen an die Reichsabtei Corvey 826 durch Ludwig d. Frommen, eines Sohnes Karls d. Großen, wurde in der Forschung im Zusammenhang mit reichen Bodenschätzen in den Lagerstätten entlang der Diemel gesehen.) Vor diesem Hintergrund muss auch die Entwicklung des Ortes Horhusen (Niedermarsberg), gelegen im Tal der Diemel unterhalb des Eresberges, gesehen werden. Bodenschätze und die günstige Verkehrslage, es kreuzten sich hier zwei wichtige Fernstraßen, die von Norden über Paderborn kommende und nach Hessen führende ‚via regia’ (Weinstraße) und der vom Rhein kommende und über Olpe und Brilon führende ‚Römerweg’, der dann weiter über Warburg zur Weser verlief, ließen Horhusen zu einem wichtigen Handelsort aufsteigen. 900 verlieh dann Ludwig III, auch Ludwig das Kind genannt, den Corveyer Äbten, die Rechte, in Horhusen öffentliche Märkte abzuhalten, von den eingebrachten Waren Zoll zu erheben und Münzen prägen zu lassen.) In einer Urkunde von 962 wird durch Otto d. Großen den Einwohnern Horhusens erlaubt, das Recht der Kaufleute des Königshofes Dortmund für sich in Anspruch zu nehmen. Diese kaufmännischen Gewohnheitsrechte und die königlichen Rechtsverleihungen bildeten später die Grundlagen des Stadtrechtes.) Einen gravierenden Einschnitt für die Marsberger Geschichte bedeutete die Einbeziehung in den Kölner Einflussbereich 1180. Der Sachsenherzog Heinrich der Löwe war nach einer Klage der Fürsten vor Kaiser Friedrich der Reichsacht verfallen, und er verlor daraufhin die Reichslehen. Das anschließend geschaffene Herzogtum Westfalen fiel dem Erzbischof von Köln zu. Der zu Corvey gehörende Eresberg ragte daraufhin wie eine Insel aus dem Kölner Gebiet heraus. Doch schon 1198 stellte sich Corvey unter den Schutz des Kölner Erzbischofs und 1230 einigten sich Corvey und Köln, und Obermarsberg gehörte gegen Bezahlung zur Hälfte zu Köln. 1507 erlangte Köln die Herrschaft über ganz Obermarsberg mit Ausnahme des Benediktinerstiftes. Um das Jahr 1220 zogen viele Bürger Horhusens (Niedermarsberg), dazu gehörten auch vor allem die wohlhabenden Handelsleute, auf den sicheren Berg.
Für die Bürger waren die häufigen Überschwemmungen von Diemel und Glinde und das aufkommenden Raubrittertum Gründe für den Umzug, aber auch Corvey und Köln scheinen in ihren Interessen nichts gegen eine Umsiedlung gehabt zu haben, möglicherweise haben sie sie forciert. Gleichzeitig bauten die Bürger die Stadtmauern und Türme aus und errichteten, da sie sich der Jurisdiktion des Paderborner Bischofs entzogen hatten, die Nikolaikirche mit einem Sitz für den Archidiakon des Bischofs von Paderborn. Sie begannen den Bau der Kirche aus der Zeit heraus im Übergangsstil und bauten sie in die Gotik hinein. Einmalig in ihrem Erhalt, in ihrem klar zu erkennenden Verlauf und in ihrer feinen Ornamentik ist sie heute unter dem Namen „Nikolaikirche, eine Perle der Frühgotik“ weithin bekannt. Die auf den Berg gezogenen Bürger von Horhusen bildeten mit den bisherigen Bewohnern der Eresburg eine Stadtgemeinde mit dem Namen Mons Martis oder Mersburg. Sie wählten sich einen Magistrat aus 12 Mitgliedern, Consules genannt, und aus diesen einen Bürgermeister oder Proconsul.) Die Bürger konnten nun unbeeinträchtigt ihren Gewerben nachgehen und sich dem weiteren Ausbau ihrer Kommune widmen. Die Kaufleute beteiligten sich im 14. und 15. Jahrhundert auch am Fernhandel. Als die Gefahren für Fernhändler wuchsen, schlossen sich die Städte zusammen und gründeten die Städtehanse. Dabei konnten sie auf die Erfahrungen mit den verschiedenen Landfriedensbündnissen im 13. und 14. Jahrhundert zurückgreifen. Für das 15. Jahrhundert sind Hansekaufleute aus Attendorn, Menden, Marsberg und Rüthen in Flandern und Brabant nachgewiesen.) Zu den bedeutendsten Ausfuhrartikeln müssen Textil- und Metallwaren gehört haben. Besonders begehrt waren wohl die Produkte der Marsberger Panzerschmiede. Die Ursprünge dieses Handwerks reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück. In großem Umfang wurde dieses Handwerk auf dem Berg ausgeübt. Rüststrümpfe, Panzerhemden für Ritter, Reisige und Knappen wurden hergestellt. Später waren die in den Hammerwerken an Diemel und Glinde hergestellten Geschütze und Kanonenkugeln gefragt.) Reformationszeit Das 16. Jahrhundert war geprägt von tiefen gesellschaftlichen und religiösen Umwandlungsprozessen. Ein Grund mit war die zunehmende Bedeutung der Städte. In Marsberg scheint schon in den vierziger Jahren die Reformation Einzug gehalten zu haben. Die schwierigen politischen und kirchlichen Verhältnisse kamen in dieser Zeit den neuen Ideen sehr entgegen. Das Kloster Corvey hatte die Propstei in Besitz. Zünfte und Bürger hatten im Laufe der Zeit der Propstei vielfach Dotationen in Form von Vermögen, Stiftungen, Memorien und Vikarien zukommen lassen. Insofern nahmen viele Anteil an dem Geschehen in der Propstei. Paderborn war im Besitz der Diözesanrechte und übte die Archidiakonatsgerichtsbarkeit aus. Die Landeshoheit aber lag bei Kurköln. Auch der Magistrat der Stadt Obermarsberg nutzte vielfach die teilweise rechtlich verworrene Lage aus, um seine Ansprüche durchzusetzen. Unter diesen Verhältnissen blieben Machtkämpfe nicht aus. Hinzu kam, dass seit Jahrhunderten politische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Marsberg und der Grafschaft Waldeck bestanden. Schon 1526 ließ Graf Philipp III das Kloster Arolsen säkularisieren und leitete damit eine Welle der Aufhebungen der Klöster ein. Durch die unmittelbare Nähe dieses protestantischen Landes war Marsberg dem ersten Andrang der Neuerungen ausgesetzt.) In der Folgezeit wehrten sich Bürger und Magistrat mit „aller Gewalt“ dagegen, wie es in einem Brief an den Abt von Corvey heißt, einen katholischen Pfarrer anzustellen, sobald das Kloster Corvey, der Erzbischof von Köln oder der Bischof von Paderborn diesbezüglich Einfluss nehmen wollten. Vom Kloster Corvey aus ist in dieser Zeit allerdings kaum ein Bemühen zu erkennen, dem Protestantismus ernsthaft entgegenzutreten. Die Rekatholisierung setzte zwar allgemein nach dem Amtsantritt Ernst von Bayern als Kurfürst und Erzbischof von Köln ein, doch erst unter seinem Nachfolger Ferdinand von Bayern (*1577- †1650) wurden weit energischere Maßnahmen gegen die Bürger getroffen, die der lutherischen Lehre anhingen. Er befahl, in seinen Bistümern nur katholische Bürgermeister und Ratsherren zu wählen, katholische Küster und Lehrer anzustellen, nur zweifellos katholische Personen zu Zünften und Gilden zuzulassen und dafür zu sorgen, dass die Lehrbücher nichts gegen die katholische Religion enthielten. Weiter wurden strenge Vorschriften über die Spendung der hl. Sakramente der Taufe, der Ehe, der Buße und der Ölung sowie über das Begräbnis der Nichtkatholiken u. a. erlassen. Allmählich zeitigten die Maßnahmen und Anordnungen Wirkung. Viele Lutheraner verließen teilweise auch unter Zwang die Oberstadt und ließen sich in der benachbarten Grafschaft Waldeck nieder. Jahrzehnte hat es gedauert, bis der katholische Glaube wieder hergestellt war. Eine sichere Einordnung lässt sich nicht klar erkennen. Im Jahre 1615 wurde der lutherische Magistrat durch eine kurfürstliche Kommission abgesetzt. ) Um 1630 gab es wohl nur noch ganz wenige evangelische Familien in der Stadt. Die Reformationswirren haben der Stadt großen materiellen Schaden gebracht. Viele Familien und zwar vielfach die reichsten und unabhängigsten wanderten aus. Ihre Häuser blieben teilweise leer und verfielen. Gewichtiger waren noch die geistigen Nachteile. Die kirchliche Ordnung war untergraben. Die Moral der Geistlichen und auch der Mönche ließ zu wünschen übrig. Sie gingen teilweise ihren Pflichten nur nachlässig nach und kümmerten sich nicht angemessen um die Sakramente. Für Obermarsberg war es ein Aderlass schon vor dem bzw. teilweise im 30- jährigen Krieg.)
30-jähriger Krieg
Der 30-jährige Krieg begann als Religionskrieg infolge der Spannungen zwischen den katholischen und protestantischen Ständen, und er mündete in eine europäische Machtauseinandersetzung auf dem Gebiet und auf Kosten des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Neben den furchtbaren Kriegsgräueln entvölkerten infolge davon auch Seuchen und Hungersnöte ganze Landstriche. Auch unser Land und insbesondere Marsberg blieben davon nicht verschont. In der ersten Hälfte kamen nur versprengte Kriegsleute durch die Stadt. Dann wurden größere Trupps Kaiserlicher in die Stadt Obermarsberg ins Quartier gelegt. Mit der Zeit wuchs die Zahl der Einquartierten, die untergebracht werden mussten. Schließlich wurde die Stadt ständige Garnison. Viele Unannehmlichkeiten hatten die Bürger in der Folge zu ertragen. Geschichten und Romane berichten darüber. Ab 1632 wurden wiederholt von Seiten der Hessen Versuche gemacht, die Stadt einzunehmen. Doch konnten sich die Bürger erfolgreich verteidigen, teilweise allerdings wurden dabei Mauern und Häuser stark beschädigt und die Eisenschmelzhütten an der Glinde für Jahre unbrauchbar gemacht. Eine Wende trat 1646 ein, als ein schwedisches Heer von ungefähr 20 000 Soldaten unter der Führung des Feldmarschalls Karl Gustav von Wrangel nach der Eroberung der Städte Höxter und Paderborn auf mehrfache Bitte der Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen auf Marsberg zumarschierte, die Oberstadt einschloss und belagerte. Die Armee bezog ein Feldlager auf dem Erlinghäuser Gelände. Im Süden zwischen Marsberg und Giershagen wurden die Geschütze aufgefahren. Um auch das Altenstädter Tor und auch das Stift bei dem Wulsenberg Kanonen in Stellung gebracht. Am 25. Mai 1646 wurde das Feuer eröffnet. Den ersten Angriff konnten Bürger und Besatzung noch abwehren, doch dann kapitulierten die Kaiserlichen. Der Kommandant und die Offiziere erhielten freien Abzug zugebilligt. Die Mannschaften wurden sofort in die Reihen der Schweden und Hessen eingruppiert. Sämtliche Geschütze, Gewehre und das Pulver fielen in die Hände der Eroberer. Schlimmer aber noch wüteten die Soldaten 10 Tage lang unter den Einwohnern. Sämtliches Getreide, die Nahrungsmittel und das Vieh wurden ihnen weggenommen. Den Bürgermeister führte man gefesselt aus der Stadt, um möglichst viel Geld für ihn von den Bürgern zu erpressen. Die Mauern wurden geschliffen. Als die Bürger sogleich nach dem Abzug der Soldaten daran gingen, die Mauern wieder aufzubauen, kehrten die Truppen zurück und zündeten die Stadt an allen vier Ecken an. Etwa 200 Häuser gingen in Flammen auf, auch das Stift, die Schule und das Rathaus mit dem wertvollen Archiv wurden in der Folge ein Raub der Flammen. Die Stiftskirche sprengte man mit Pulver in die Luft. Die Beispiele von Marsberg und anderen Städten belegen in unterschiedlicher Weise, dass die Städte im 17. Jahrhundert auch bei höchstem Einsatz ihrer kampfeswilligen Bürger nicht mehr in der Lage waren, einem hochgerüsteten und zahlenmäßig weit überlegenen Angreifer allein entgegenzutreten.)
Folgen des 30-jährigen Krieges
Fast vierhundert Jahre hatte die Oberstadt bis dahin die Geschicke Marsbergs bestimmt. Doch die schweren Kontributionen, die bis in die 1650-er Jahre gezahlt werden mussten, und die hohen Kosten, die aufgebracht werden mussten, um in den Folgejahren die Einquartierung durchziehender Heere zu verhindern sowie die völlige Zerstörung und die Schleifung der festen Werke, die der Oberstadt ihre Bedeutung gegeben hatten, der Rückgang der Bevölkerung schon zu Zeiten der Reformation, erst recht durch die Verluste im 30-jährigen Krieg, und die allmähliche Abwanderung von Menschen in die Altenstadt (Niedermarsberg), die ihnen Möglichkeiten zur Arbeit bot, hatten die Stadt fundamental geschwächt. Die Altenstädter sahen nun immer wieder die Möglichkeit, die völlige Lösung von der Oberstadt durchzusetzen. Doch der Magistrat kämpfte verbissen um seine Rechte, pochte auf seine alten Privilegien, ließ sie sich trotz aller Widrigkeiten auch immer wieder vom Kurfürsten bestätigen und setzte auf diese Weise seinen politischen Machtanspruch durch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde mit der Säkularisation das Benediktinerstift, das von Karl d. Großen gegründet wurde, aufgehoben, und das kurkölnische Herzogtum Westfalen fiel an Hessen-Darmstadt. 1807 verlor die Stadt für immer ihre alten Justizrechte, indem die Hessische Regierung in Obermarsberg ein Justizamt errichtete. 1808 wurde die Schultheißenordnung eingeführt und damit erhielt die Altenstadt endlich nach fast 600 Jahren wieder ihre Selbständigkeit. 1815 kam das Herzogtum Westfalen unter preußische Regierung und 1827 wurde schließlich auch das Justizamt nach Niedermarsberg verlegt. Die Stadt Obermarsberg verlor das große Ansehen, das sie infolge der vielen Freiheiten und Privilegien, der selbständigen Stellung des Rates und der sicheren Befestigungen der Stadt vor dem 30-jährigen Krieg besessen hatte, und sank zu einer kleinen Landstadt herab.) 1975 musste sie auch die Stadtrechte abgeben und wurde ein Ortsteil von Marsberg. Doch mit ihren historischen Kirchen, dem Rathaus mit dem Schandpfahl, den Stadtmauerresten und herrlichen Ausblicken vom Berg aus ist sie ein Juwel der Region.
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